Paste your Google Webmaster Tools verification code here
Seite auswählen

Henrik Zaborowski Bewerbungsabsagen – wie auch die tollste Absage daneben geht? Ganz einfach! Haben Sie als Recruiter/Recruitingverantwortliche/r sich auch die Mühe gemacht, nette, wohlmeinende Absagen zu formulieren? Um positiv beim Bewerber in Erinnerung zu bleiben, wenn Sie ihm/ihr schon absagen müssen. Und haben Sie verschiedene Absagen formuliert, damit Sie je nach Situation des Bewerbers die richtige standardisierte (äh, „individuelle“) Absage rausschicken können? Glückwunsch, das freut mich. Da haben Sie sich offensichtlich Gedanken gemacht. Aber vergessen Sie jetzt bitte nicht, Ihren Kopf eingeschaltet zu lassen. Denn die Tücke liegt wie immer – in der Praxis.

Es gibt ja immer mal wieder auf dieser Welt Stellenanzeigen, die einem ins Auge springen. Wenn es z. B. um eine Leitungsposition geht oder ein bekannter Arbeitgeber dahintersteckt. Und wenn diese Anzeigen laaaaange im Netz rumgeistert und nicht verschwindet, dann werde ich neugierig. Und teste ab und zu mal, was dahinter steckt – indem ich versuche den Kontakt zum Ansprechpartner in der Anzeige aufzunehmen. Entweder durch eine formlose Nachricht über die Sozialen Netzwerke, einen Anruf oder tatsächlich auch eine offizielle „Bewerbung“. Naja, also das Vorhaben scheitert natürlich dann schon, wenn überhaupt kein Ansprechpartner und keine Kontaktdaten angegeben sind. Kommt ja immer mal wieder vor … (wahrscheinlich um so jemanden wie mich fern zu halten. Aber bestimmt nicht nur mich). Aber darüber rege ich mich nicht mehr auf. Und Henner Knabenreich erlebt ja noch ganz andere Sachen, wie er mal wieder in „Hau bloß ab … so wird das nix mit den Bewerbern“ geschrieben hat. Und außerdem habe ich ja auch „Mythos Fachkräftemangel“ von Martin Gaedt gelesen (meine Meinung dazu demnächst, wer es nicht abwarten kann, Lars Hahn hat dazu schon einen schönen Artikel verfasst). Und da erlebt man doch immer wieder den einen oder anderen kleinen Schmunzler oder „Aufreger“, der schön die Tücken des Recruitingalltags zeigt. Im wieder gerne genommen: Die Bewerbungsabsagen! Dieses erlebte Beispiel möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.

Ein renommierter Arbeitgeber suchte über eine Anzeige auf Xing (!) jemanden für einen speziellen Bereich im Recruiting (ich will hier ja niemanden in die Pfanne hauen, ich bleibe mal allgemein). Da sollte jemand zu finden sein, dachte ich. Als die Anzeige aber auch nach Wochen noch online war, habe ich der Personalreferentin (nennen wir sie Miss Lee, denn ich liebe „Urmel voll in Fahrt“) über Xing eine Nachricht geschickt mit der Frage, ob das Unternehmen sich auch vorstellen kann, diese Position übergangsweise mit einem Interim Manager zu besetzen. Damit es etwas offizieller ist, habe ich auch CV und zwei Zeugnisse mitgeschickt, das geht beim Premiumaccount ja. Ich hatte ja auch wirklich Interesse, ich wollte nicht nur ein „One-Click-Signal“ senden. Ich bekam lange keine Rückmeldung, dann aber irgendwann die kurze Antwort, ich möge mich bitte über den offiziellen Weg (also über das Onlinesystem oder eine „richtige“ email) bewerben. Erster Gedanke: „Achja, Fachkräftemangel, Social Media Recruiting und so. Wird doch alles überbewertet.“ Immerhin sollte ich keine Bewerbungsmappe per Post schicken, das ist doch auch schon was. Also nochmal „richtig“ bewerben. Jaja. Aber gut, verziehen. Nächster Gedanke: „Ah, eine Interimslösung kommt also in Frage! Sonst würde mir Miss Lee ja gleich schreiben, eine Interimslösung macht keinen Sinn. Da würden wir uns beide Arbeit sparen.“ Aber liebe Leser, Sie sind wahrscheinlich genauso skeptisch wie ich, oder? Zu Recht, wie ich später Dank eines richtig netten Absageschreibens erfuhr. Die Absage bekam ich nach etwa zwei Wochen von einer Assistentin der Personalreferentin (Respekt!) per mail. Und da stand:

„Sehr geehrter Herr Zaborowski,
für die Zusendung Ihrer Unterlagen und das damit verbundene Vertrauen möchten wir Ihnen recht herzlich danken.
Ihre Schilderung hat uns beeindruckt, zeigt sich doch ein interessantes Erfahrungsspektrum, das Sie in Ihrem bisherigen Berufsleben verwirklichen konnten. Wir haben lange diskutiert, für welche Aufgaben wir Sie einsetzen und welche Entwicklungsmöglichkeiten wir Ihnen langfristig bieten könnten.
Deshalb sind wir nach sorgfältiger Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass wir Ihnen derzeit kein Angebot für eine Mitarbeit bei XXX unterbreiten können. Wir würden zunächst auch von weiteren Schritten absehen wollen.
Ihr Einverständnis vorausgesetzt, werden wir Ihre Kontaktdaten zu unseren Akten nehmen, um Sie auch in Zukunft über neue Möglichkeiten informieren zu können. Für Ihre persönliche und berufliche Zukunft wünschen wir Ihnen einstweilen viel Erfolg.
Mit freundlichen Grüßen“

Jetzt muss ich erst einmal sagen: Schöner Absagetext! Da werde ich ja fast ein wenig rot im Gesicht, dass sich das Unternehmen so eine Mühe mit mir gegeben hat. Lange diskutiert und sorgfältig überlegt haben sie. Vielleicht bis spät in die Nacht? Überstunden wegen mir geschoben? Liebe Leute, das wäre doch nicht nötig gewesen. Aber „Danke“. Und ich habe sie sogar beeindruckt! Wann ist mir das das letzte Mal gelungen? Ach, wie schade nur, dass meine Tagträume genauso schnell wieder platzen. Denn leider zeigt die Absage, dass meine Bewerbung entweder gar nicht gelesen wurde oder es dem/der Zuständigen völlig egal ist, was ich für einen Eindruck vom Unternehmen mitnehme. Denn ich mag vieles gewollt haben, aber mit absoluter Sicherheit keine langfristigen Perspektiven!!! Ich habe mich als Interimlösung angeboten! Und die Frage, für welche Aufgabe ich eingesetzt werden könnte, stellte sich ja auch nicht, die war klar: Der ausgeschriebene Job. Fazit: Die Absagegründe sind völlig daneben – und damit auch die Absage! Schade um die schönen Worte.

Tja, wer jetzt die Recruitingszene nicht kennt oder gerade einen schlechten Tag hat, könnte erst mal sauer werden. „Die haben meine Bewerbung ja gar nicht gelesen. Und dann so ein geschwollenes blabla. Wollen die mich verar….?!“ Und daran, liebe Leser, sehen Sie, dass tolle, wohlformulierte Absagen falsch eingesetzt fast noch schlimmer sein können als Standardtexte. Und das es gar nichts nützt, wenn sich mal jemand die Mühe macht, wertschätzende Absagetexte zu schreiben – und diese dann ohne Sinn und Verstand eingesetzt werden. „Kopf aufmachen“ gilt wie immer auch hier.

Da bevorzuge ich doch fast den anderen Klassiker „Unser Mandant hat sehr spezifische Anforderungen, die sich leider nicht zu 100% mit Ihrem Profil decken. Es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten habe.“ Damit kann ich auch so gar nichts anfangen, aber immerhin ist es nicht so geschwollen.

Ich muss übrigens zugeben, dass ich in meiner Recruitingpraxis beide Absagen selber schon verwendet habe. Weil ich keine besseren hatte. Weil der Bewerber eigentlich grundsätzlich passte, aber dann halt doch zu alt, zu teuer etc. war. Und ich keine Zeit oder keine Lust hatte, ihm das zu erklären. Und weil es einfach sicherer ist, solche Standards zu verschicken. Einige Bewerber habe ich aber auch angerufen und es ihnen tatsächlich erklärt. In der Hoffnung, sie können mit der Wahrheit umgehen (dass mein Kunde einfach nichts mit ihm anfangen kann, obwohl er super ist).

Also, fragen Sie doch mal Ihre Praktikanten und junge KollegInnen, ob sie wissen, was sie da rausschicken? Das ist nämlich auch so ein Geheimnis aus der Praxis: Kaum jemand weiß noch, was in den hinterlegten Absagetexten steht … Und dann bitten Sie alle Beteiligten, vorher nochmal genau zu prüfen, ob der Text auch wirklich Sinn macht. Sonst geht nämlich auch die tollste Absage daneben.

Und wenn Sie wirklich schon den Fachkräftemangel spüren – schauen Sie doch mal ab und zu in Ihr Xing oder Linkedin Postfach. Vielleicht schlummern da noch ein paar interessante Bewerbungen?

Herzlichen Gruß,

Ihr Henrik Zaborowski