newwork 2025: Fachkräftemangel oder akademisches Prekariat? Beitrag und Diskussionsanstoß

1. Dezember 2014 | Von | Kategorie: Change HR, Gesellschaft

Worried Mannewwork 2025: Haben wir dann einen Fachkräftemangel? Oder steuern wir auf eine Zeit des akademischen Prekariats zu? Wird die Generation Y die „neue Arbeit“ gestalten? Freiheit, Selbstbestimmung, Vollbeschäftigung? Oder geht die Schere zwischen denen, die Arbeit verteilen und denen, die nehmen müssen, was sie bekommen können, weiter auseinander? Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass dieses Thema unserer Gesellschaft den Spiegel vorhalten wird. Wie gehen wir miteinander um? Was für ein Menschenbild haben wir? Unterscheiden wir zwischen Gewinnern und Verlierern? Oder werden wir auch in der Arbeitswelt tatsächlich das werden, was wir schon immer waren: Menschen – und keine Ressourcen? Diskutieren Sie mit!

newwork 2025: Worauf kommt es an?

Sven Gabor Jánzsky beschreibt in seinem sehr spannenden Buch „Das Recruiting-Dilemma“ die Arbeitswelt im Jahr 2025. Es herrscht Vollbeschäftigung und für fast alle Menschen bedeutet dies, sich die Jobs jederzeit aussuchen zu können. Die Arbeitgeber müssen sich also etwas einfallen lassen, um ihre Mitarbeiter zu finden und zu halten. Allerdings wird auch der Druck auf Arbeitnehmer/Projektarbeiter zunehmen. Denn zukunftsentscheidend wird es für die Mitarbeiter sein, immer auf dem neuesten (technologischen) Wissensstand zu sein. Um nach drei Jahren etwa beim nächsten Jobwechsel nicht den Anschluss verpasst zu haben und damit keinen neuen Job mehr zu finden. Oder gleich komplett eine Auszeit nehmen und wieder ein halbes Jahr an die Uni. Mit 50 Jahren oder so. Alles normal. (Kleiner Hinweis: Die drei Jahre von Jánszky decken sich mit der Einschätzung von Svenja Hofert aus ihrem Buch „Karriere mit System„. Unbedingt mal reinschauen!) Gute Arbeitgeber zeichnen sich dadurch aus, dass sie dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter auf dem neuesten Stand bleiben. Auch wenn sie das Unternehmen später verlassen. „Lebenslang Lernen können“ wird also eine Paradedisziplin der Zukunft. Und was noch? Das „Miteinander arbeiten können“. Zusammenarbeit, über alle Grenzen und Technologien hinweg, wird ein weiterer Standard. Dazu gehört sogenannte Collaboration Software, wie z. B. von slack, dem „am schnellsten wachsenden SaaS Anbieter aller Zeiten“, der mal eben 120 Mio. US-Dollar von Investoren eingesammelt haben. Dazu gehört aber noch was ganz anderes: Das „Menschlich miteinander arbeiten können„. Eric Haendeler bringt es in diesem kurzen Mitschnitt auf den Punkt, wenn er sagt, dass wir eine Veränderung der Arbeitskultur brauchen. Wir brauchen ein neues Sozialverhalten. Denn Arbeit wird aus „Planen, Organisieren, Problem lösen“ bestehen. Wir sind voneinander abhängig, weil jeder Experte auf einem bestimmten Gebiet ist. Ich muss mit unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeiten können. Und seien wir ehrlich: Wer kann das wirklich? Ich kenne wenige.

In die gleiche Kerbe schlägt der von mir sehr geschätzte und querdenkende Prof. Dr. Gunter Dueck, Ex-CTO von IBM, in vielen seiner Beiträge und Reden. Einen weiteren, sehr interessanten Aspekt betont er hier in diesem kurzen Interviewausschnitt: Denken wir an Zukunft, dann denken wir an Innovationen. Die bekommen wir aber nicht durch Prozesse und Förderung von Themen, sondern nur durch Förderung von Menschen und ihren Talenten!

Wir halten fest: Worauf kommt es in Zukunft an? Auf Lernfähigkeit, Soziale Kompetenz und Talent/Willen/Neugier vor Können und Prozessen.

newwork 2025: Indikatoren der Gegenwart

Jetzt ist 2025 ja gar nicht mehr so weit weg. Da sollte man meinen, wir würden überall schon die Vorboten dieser neuen Arbeitswelt finden, oder? Also steigende Gehälter, weil die Fachkräfte rarer werden. Investitionen in die Weiterbildung der Mitarbeiter durch die Arbeitgeber. Konzentration auf Fähigkeiten und Interessen statt auf Wissen und Erfahrungen im Auswahlprozess. Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter ernst nehmen, sich für sie einsetzen und sich selbst zurücknehmen. Manager, die wissen, dass sie nicht mehr alles wissen können, und ihre Mitarbeiter mitentscheiden lassen. Ja, man sollte meinen, dass es all das schon gibt. Und tatsächlich, es gibt kleine Glanzlichter der newwork. Auf einige hatte ich in meinem Artikel „Führung der Zukunft“ schon hingewiesen. Und sogar der Harvard Business Manager hat es jetzt erkannt und diesen absolut richtigen Artikel über „Das Zeitalter der Empathie“ im Rahmen des Drucker Forums 2014 herausgebracht. Und Henning Kargermann sieht im Interview mit der ZEIT „den Menschen wieder im Vordergrund stehen“. Aber ist das schon breite Realität? Leider nein. Und wie wahrscheinlich ist es, dass in absehbarer Zeit ein Ruck durch die Managementlandschaft der Unternehmen geht und sie die richtigen Weichen stellen? Ich weiß es nicht. Aber ich bin skeptisch. Zum einen aus den Erfahrungen aus meinem eigenen Umfeld. Zum anderen aber auch aus Berichten wie diesen folgenden.  Der Spiegel schreibt über die arbeitslosen Akademischer in „Jung, fähig sucht … „. Der Fokus schreibt „Trotz Fachkräftemangel: So zockt die Wirtschaft ihren Nachwuchs ab„. Und ich persönlich kenne genug Menschen, die (sehr) gut ausgebildet, hoch motiviert – und arbeitslos sind. Oder sich zumindest sehr schwer mit einem Jobwechsel tun. Und ich kenne noch mehr Menschen, die über ihre Vorgesetzten stöhnen und die sich täglich „auf den Arm genommen“ fühlen (den etwas passenderen aber härteren Ausdruck möchte ich hier nicht verwenden). Da merkt man nichts von dem eh schwachsinningen Spruch vom „Menschen als wichtigste Ressource“. Ich habe bei meinem Vortrag zum Thema „Warum ein „weiter so“ im Talent Management nicht mehr funktionieren wird“ die Zuhörer gebeten, sich mal umzuschauen und zu überlegen, wer da mit ihnen zusammen sitzt. Eine „Mit-Ressource“? Oder ein Mitmensch? Die Lacher zeigten unverblümt die Krankhaftigkeit dieser Aussage!

Gunter Dueck sagt dazu in seinem Interview auf dem blog von Guido Bosbach zum Thema „Arbeitsvisionen 2025“  (Zitat):

„Die Arbeitswelt ist seit einiger Zeit der festen Meinung, den disruptiven oder revolutionären Veränderungen der Internetzeit mit mehr Arbeitsdichte, Optimierung im Kleinen und mit unbezahlten Überstunden zu begegnen, für man die Mitarbeiter extrameilenbegeistern muss. Den wirklichen Wandel besteht man so ganz bestimmt nicht, aber man weiß sich wohl keinen besseren Rat.“

Und damit hat er absolut Recht! Wo geht unsere Reise hin? Ich persönlich blicke mit Sorge in die Zukunft. Selbst wenn wir Vollbeschäftigung haben werden … werden wir von unseren Jobs auch leben können? Jeder Texter, Grafiker, Rechtsanwalt, sogar manche Ärzte – viele, ob mit oder ohne Studium, werden mit Wettbewerbern der ganzen Welt konkurrieren. Jeder kann jede Leistung von überall auf der Welt erbringen. Mit erheblichen Preisunterschieden. Und von den ungelernten Arbeiter will ich gar nicht schreiben.

newwork 2025: Hören Sie rein in die Gegenwart

Mein Ziel ist eine kleine Diskussion in Gang zu setzen. Hoffentlich mit Ihnen?! Gern hier. Auf dem schon erwähnten blog von Guido Bosbach bekommen Sie auch weiteren Input. Den Anfang macht allerdings ein Beitrag von Thilo Schmidt, freiberuflicher Journalist. Er hatte mich und Svenja Hofert zu einem Interview für einen seiner Beiträge gebeten. Der Schwerpunkt im Beitrag liegt allerdings bei zwei Vertretern der Generation Y. Aber anders, als Sie das vielleicht erwarten. Dieser Beitrag hat den Titel „Wenn es jemanden gibt, der uns zermürben will, dann macht er seinen Job gut“ Die Generation der um 30-Jährigen auf Sinn- und Arbeitssuche“ und läuft am Dienstag, 2. Dezember, um 19.30 Uhr im Deutschlandradio Kultur. Weitere Infos gibt es hier in der Programmvorschau. Ich kenne den Beitrag selber noch nicht und bin sehr gespannt.

Nachtrag vom 03.12.2014: Den Beitrag von Thilo Schmidt gibt es jetzt hier zum Anhören. 

Und hier ist der Beitrag in Schriftform nachzulesen. Für die „Überflieger“ unter uns.

Also, sind Sie dabei? Gestalten Sie die Arbeitswelt mit um? Oder diskutieren Sie zumindest mit? Ich würde mich freuen. Hier hören Sie Deutschlandradio Kultur über das Internet. Ab Mittwoch dann wird diskutiert – gerne über die Kommentarfunktion hier auf diesem Blog!

Herzlichen Gruß,

Henrik Zaborowski

22 Kommentare auf "newwork 2025: Fachkräftemangel oder akademisches Prekariat? Beitrag und Diskussionsanstoß"

  1. Hallo Henrik,

    das ist wieder viel Input für meine grauen Zellen – danke für den Blogartikel und die Gedankenanstösse. Wir sollten wirklich eine Diskussion beginnen, WIE wir in Zukunft ARBEITEN. Denn das bisherige wissenschaftliche Konzept des Zahlenerhebens und ableitend Vergangenheitszustände analysieren funktioniert angesichts der Geschwindigkeit und Veränderungssprünge in der Digitalen Transformation nicht mehr.

    Besonders unsere rückwärtsgerichtete Zahlenorientierung in HR mit noch einer Studie und noch einer Studie mehr zum wiederholten Male über irgendwelche Befindlichkeiten oder Fakten von Kandidaten oder HR bringt nichts Neues mehr und ist eine Sackgasse. Wir brauchen neue praktische Vorgehensweisen wie gelebte prädiktive HR-Analytik, die helfen, uns anzupassen. Oder ganz einfach bodenständig angefangen wäre es sinnvoll, dass HR erst Mal lernt zu lernen. Ob das während laufender Fahrt und Arbeitslast geht?

    Gerade darum stimme ich Sven Gabor Jánzsky nicht zu, dass wir auf eine Vollbeschäftigung zu steuern. Ich bin da mehr bei Sascha Lobo und Richard David Precht – sie zeigen das bodenständiger auf. So einfach überwinden wir nicht das Problem, dass die Digitale Transformation sehr viele Menschen nicht mitnimmt. Hier vom 19.10. die aufgezeichnete ZDF-Diskussion: ‚Macht das Netz arbeitslos‘ http://bit.ly/Precht-Fu-Work.

    Ich denke, wir werden uns noch eine ganze Weile mit dem Fachkräftemangel und seinen Lösungen beschäftigen.

    Schöne erste Adventswoche wünsche ich allen
    Viele Grüße
    Barbara Braehmer

    • Moin Barbara, vielen Dank für Deine Gedanken und den Hinweis auf die ZDF Diskussion. Kannte ich noch nicht, muss ich mir ansehen! Ich stelle aber an Deiner Meinung fest, wir Praktiker mit der Nähe zu den handelnden Personen haben eine etwas andere Sicht als die Zukunftsforscher. Hoffen wir mal, dass wir Unrecht haben …
      Herzlichen Gruß, Henrik

  2. Chris Pyak sagt:

    Henrik, wie immer viel Stoff zu nachdenken. Ich habe dass Buch von Sven Gabor Jánzsky nach Deiner ersten Empfehlung gekauft – und bin mit dem meisten sehr einverstanden. (Noch nicht ganz durch).

    Ich glaube die großen Veränderungen werden durch die neuen Unternehmen kommen. Die vielen Startups mit denen ich arbeite, sind sehr offen für neue Modelle. Sie sind kein „Gimmick“, sondern machen den Erfolg oft erst möglich.

    Bei uns zum Beispiel: Nachdem ich es aufgegeben habe, mich anpassen zu wollen, blüht die Firma. Wir haben kein Office, unser Team „trifft“ sich einmal am Tag im Google Hangout – und ansonsten arbeitet jeder eigenverantwortlich.

    Die Folge? Ich kann auf einmal die besten Leute beschäftigen. Kollegen die ich für Ihren Drive und Ihren Mut sehr schätze. Und die im Gegenzug froh sind, dass ich sie „machen lasse“. Solange die Ergebnisse stimmen, dürfen sie arbeiten wie und wo sie wollen.

    Mein Sales Manager ist gerade erst aus seiner Heimat Brasilien zurückgekehrt. Meine Recruiterin fliegt regelmässig für eine Woche oder zehn Tage zurück nach Tallinn. Beide machen einen tollen Job: Egal wo sie sind.

    Ich gebe beiden sehr viel Freiheit – und genau dass schützt mich vor Abwerbe-Versuchen. Denn welches Unternehmen kann den gleichen Grad an Freiheit bieten, wie wir bei Immigrant Spirit?

    • Moin Chris, ja, wer so flexibel arbeitet, der wird die, sich das zu schätzen wissen, für sich begeistern. Eigenverantwortung ist ein hohes Gut. Für den, der damit umgehen kann – und darf. Mal sehen, ob Dein Beispiel Schule macht 🙂
      Herzlichen Gruß,
      Henrik

  3. Gerhard Kenk sagt:

    Hallo Henrik,

    Akademisches Prekariat, Transferleistungsempfänger, Freelancer, Minijobber, Zeitarbeiter und viel mehr: Einzelbetrachtungen vernebeln das Gesamtbild. Personal- und Arbeitsmarktpolitik steuern darauf zu, das Prekariat zu Lasten der Gehaltsempfänger auszuweiten – mit dramatischen Folgen nicht nur für die Arbeitswelt, auch für die gesamte Gesellschaft. Controller kenne keine soziale Verantwortung. Wir sind schon mitten drin in der Abwärtsspirale, die Drehgeschwindigkeit nimmt zu.
    Zeitbombe Prekariat: Die Lunte glimmt.
    Professor Guy Standing publizierte eine beklemmende und bedrückende Analyse (The Prekariat) – Leseverbot in der Weihnachtszeit.

    Viele Grüsse
    Gerhard
    http://www.crosswater-job-guide.com

    • Hallo Gerhard,
      vielen Dank für diesen Input. Ich hoffe, Du hast Unrecht, aber ich teile Deine Sichtweise. Klingt dramatisch, aber es wird ein immer größerer Riss durch unsere Gesellschaft gehen. Dem müssen wir ins Auge blicken. Und was dagegen tun. Nur was?
      Herzlichen Gruß,
      Henrik

  4. Chris Pyak sagt:

    Hallo Gerhard, Henrik,

    ich glaube die Befürchtung „Ausweitung des Prekariats“ entsteht, weil Deutsche ganz andere Arbeitsverhältnisse gewohnt waren. Ich selbst habe fast mein ganzes Leben als Freiberufler gearbeitet. (Das ist bei Radio & TV üblich)

    Darum teile ich eure Befürchtung nicht wirklich. Kunden – und dass sind Arbeitgeber am Ende des Tages – sind nicht alle gleich. Manche wollen „billig, billig, billig“ – andere wollen hohe Qualität, Einzigartigkeit oder auch nur Sicherheit.

    In einer Welt in der Produkte immer individueller und persönlicher gestaltet werden, haben „billig, billig“ Anbieter einen sehr schweren Stand. Es wird immer jemanden geben, der günstiger ist.

    Gedeihen werden solche Unternehmen, die einzigartige, persönliche Produkte und Dienstleistungen anbieten. (Siehe apple).

    Dafür braucht man aber kreative Köpfe: Die werden gefragt sein und gut verdienen. Ob als Angestellter oder Freiberufler.

    Sicherheit entsteht aus der Fähigkeit etwas Wertvolles beizutragen.

    • Moin Chris, aus eigener Erfahrung und Erleben aus meinem Umfeld muss ich Dir leider widersprechen. Beispiele? Für meinen letzten Arbeitgeber war ich, als ich noch als Personalberater für ihn gearbeitet habe, der „beste Personalberater, den er je hatte“. Auch später als angestellter Recruiter war er mit meiner Leistung top zufrieden. Getrennt haben wir uns, weil ich „mich kurzfristig nicht gerechnet habe“. Einem SAP Experten mit sehr gefragten Skills wird ein Bonus am Ende des Jahres zugesagt. Gezahlt wird der dann aber trotz sehr guter Ergebnisse nicht. Effekt: Der MA geht. Wie dumm, oder? Einem Werkstudent wird nach sechs Monaten eine Erhöhung des Stundensatzes versprochen. Später ist, trotz hoher Zufriedenheit mit der Leistung, davon keine Rede mehr. Mein Fazit: Auch (sehr) gute Arbeit garantiert keine entsprechende Entlohnung. Warum? Frag mich nicht. Ich kann es nicht nachvollziehen. Außer aufgrund von Dummheit oder Arroganz.
      Herzlichen Gruß, Henrik

  5. Ein Kommentar von Nina Kalmeyer, das ich aufgrund technischer Probleme für sie veröffentliche:

    Ich stimme der Einschätzung von Barbara zu und muss ganz ehrlich sagen, dass mich das Interview mit Sven Gabor Jánzsky, den ich eigentlich sehr schätze, etwas schockiert hat. Warum? Weil meiner Meinung nach seine Einschätzungen bzgl Vollbeschäftigung auf der heutigen Situation beruhen und den digitalen Wandel, der gerade erst begonnen hat, nicht miteinbezieht. Dazu ein Zitat aus einer Studie von McKinsey zum Thema ‚New Work Age‘ : “If business and government leaders wait until these technologies are exerting their full influence on the economy, it will be too late to capture the benefits or react to the consequences”. Auch den Blogartikel dazu finde ich sehr lesenswert: http://sites.tcs.com/insights/perspectives/the-new-machine-age#.VHyUHsl24w9

    In einer Zeit, in der wir, was den digitalen Wandel angeht, vor unglaublichen Herausforderungen stehen, sind mir die gängigen Fachkräftemangel Diskussionen zu kurz gedacht und langweilen mich zunehmend. Wir stehen vor großen gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, die nicht allein nur Geschäftsprozesse oder das Recruiting angehen – nein, Arbeit wird grundsätzlich eine andere Wertigkeit bekommen (müssen!). Dies betrifft uns alle. Egal ob wir Gen. Y, X,Z oder wie sie alle heißen, angehören, und egal ob wir Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Freelancer oder Projektarbeiter sind. Ganz viele Arbeitsplätze/Berufsbilder wird es bald nicht mehr geben, ein bereits sehr aktuelles Beispiel dafür liefern 3D Drucker, die viele Produktionsketten auf den Kopf stellen werden. Dagegen werden , nur als ein Beispiel, immer mehr alte Menschen nicht mehr in den Familien gepflegt werden. Wie ein Journalist neulich sagte: „ das Schwiegertochter-Pflegemodell (kostenlos/zu Hause) gehört der Vergangenheit an.

    Darüber sollte sich die (globale) Gesellschaft Gedanken machen, damit wir in Genuß der Benefits kommen können, und die Konsequenzen als Gesellschaft besser verkraften. Falls diese Diskussionen nicht bald ernsthaft geführt und diese Themen angepackt werden, sehe ich zwar nicht ganz so schwarz, wie Gehard Kenk, aber in diese Richtung wird es gehen.
    Herzlichen Dank an Dich Henrik, dass Du diese interessante Diskussion angestoßen hast! / Nina

  6. Uwe Sunkel sagt:

    Liebe Kolleginnen und Kollegen,

    ich möchte mal eine etwas andere Sichtweise in die Diskussion einbringen, in dem ich die aus meiner Sicht entscheidende Frage stelle: Wer ist denn eigentlich „WIR“?

    WIR haben keinen Fachkräftemangel und WIR steuern auch auf nichts zu – einzelne Unternehmen hingegen schon. Ich erinnere mich gerne an das Gespräch mit der Personalleiterin eines großen Arbeitgebers in München, die mir sagte: „Unser Problem mit den Fachkräften besteht darin, dass wir zu viele Bewerbungen erhalten.“ Diese Dame lacht sich tot, wenn sie das Wort Fachkräftemangel hört.

    Andere Unternehmen – insbesondere die, die nichts dazu gelernt haben – leiden natürlich schon. Aber nicht unter einem Mangel, sondern unter der eigenen Blödheit. Das ist für mich kein Grund, von einem generellen Problem zu sprechen. Das Problem haben immer nur einzelne Unternehmen – niemals jedoch eine Gesellschaft, eine Generation oder gar ich selbst. Mir persönlich ist der Fachkräftemangel total Wurscht, da ich ohnehin glaube, dass die traditionelle Besetzung von Stellen mit angestellten Mitarbeitern ein überholtes Modell ist. Zumindest gehört es stark überarbeitet. Aber das ist ein anderes Thema …

    Jedenfalls ist es mir vor diesem Hintergrund auch total egal, was in irgendwelchen Büchern dazu geschrieben wird. Es passt in der Regel sowieso nicht für den Einzelfall. Also nochmal: WIR müssen nichts ändern, WIR brauchen keine neue Arbeitskultur und WIR müssen noch nicht einmal über diese Fragen diskutieren. Einzelne Unternehmen müssen das schon tun – und zwar dann, wenn sie ein Problem damit haben, ihre Ziele zu erreichen und die Ursache dafür in unbesetzten Stellen liegt.

    In Abwandlung des alten Sprichworts könnte ich noch hinzufügen: Wir sehen ganz viele Bäume und glauben, da wäre ein Wald. Weit gefehlt …

    In diesem Sinne!

    Kollegiale Grüße,
    Uwe Sunkel

    • Moin Herr Sunkel, ich bin grundsätzlich bei Ihnen. „Wir“ ist zu allgemein. Zumindest im Hinblick auf die Diskussion, ob wir einen Fachkräftemangel haben oder nicht.
      Das ist für mich allerdings zu kurz gegriffen. Denn am Ende sind tatsächlich „wir alle“ als Gesellschaft betroffen. Und dann sollten wir alle uns auch Gedanken machen und einmischen. Der Punkt ist doch u.a., dass die neuen Technologien vor allem den Unternehmen (welche Orga-Form auch immer dahinter steckt) die diese Technologien nutzen, die Gewinne sprudeln lassen. Während der „normale“ Arbeitnehmer nichts davon hat. Im Gegenteil. Jetzt können wir sagen, „das regelt der Markt“. Aber die Wahrheit ist, dass der Markt das eben nicht regelt. Zumindest nicht im Sinne der Gesellschaft. Und in der leben wir immerhin.
      Sie sehen, ich mache das Fass etwas anders auf. Ob zu Recht, weiß ich nicht.
      Herzlichen Gruß,
      Henrik Zaborowski

  7. Uwe Sunkel sagt:

    Das wissen wir beide nicht, Henrik. Als Vertreter des darwinistischen Ansatzes kann Dir aber in jedem Fall in Bezug auf das „Fass“ zustimmen: Mach das mal ruhig auf! Solche Diskussionen regen mindestens zum Nachdenken an. Und wenn sie dann tatsächlich den Kreis der ewigen Blogger verlassen und den einen oder anderen Entscheider erreichen, dann ist das schon viel wert. Es soll nur bitte keiner glauben, dass es Patentrezepte gäbe. Wäre das nämlich so, dann würde ich selbst ein Buch darüber schreiben und mir von den Tantiemen eine Südsee-Insel kaufen 😉

  8. Lieber Henrik, was ist noch nicht gesagt worden? Vielleicht dass es auch sein könnte, das sich Wertigkeiten komplett transformieren. Ich habe immer viel mit der IT-Branche gearbeitet, deshalb habe ich da eine Menge gesehen, was mich fast zu dem Schluss bringt, das auch dort irgendwann ein Lebenszyklus zuende geht, der ITler nicht mehr gebraucht wird. Dann kommt anderes… Ich finde Ninas Ansatz wichtig: Ja, das Schwiegertochtermodell geht zuende und da rollt etwas auf uns zu, was sich nicht mit Robotik lösen lässt. Flüchtlinge hier und Kriege da. Das Kapital verteilt sich auf seltsame Weise: Die Reichen werden immer reicher, aber bei den Normalen gibt es Stagnation. Es gibt Probleme ohne Ende. Und niemand lässt Menschen den (finanziellen) Raum, diese zu lösen. Dabei muss man sie lösen, auch damit wir hier nicht ins Mittelalter zturückfallen. Und wer kann das lösen? Wer will das lösen? Da sehe ich schwarz, wenn es weiter geht wie jetzt. Ach ja, ich war schon Befürworterin des Grundeinkommens, weil es so LOGISCH ist. Es wäre eine Lösung für vieles. Auch dafür, dass solche Beiträge wie der von Thilo Schmidt möglich sind, die sind nämlich extrem aufwändig und der Honorardruck in dieser für die Aufklärung so wichtigen Branche ist absurd. Wenn es da nicht so viele Krawallmacher-Extremlinke unter den Befürwortern des Grundeinkommens gäbe… deshalb habe ich auch aufgehört darüber zu schreiben. Für mich hat das GE nichts mit einer politischen Haltung zu tun, es ist eine konsequente, notwendige, unabdingbare Entwicklung. LG Svenja

    • Moin Svenja, vielen Dank. Ja, es ist eben doch noch nicht alles gesagt worden 🙂 Du sprichst, wie einige hier auch, die richtigen Dinge an. Es geht eben nicht um „Fachkräftemangel ja/nein“. Mit dem Grundeinkommen bin ich ganz bei Dir, auch wenn ich nie SPD oder Linke wählen würde … Klinge ich zu sehr Sozi wenn ich schreibe: Das (ungleich verteilte) Kapital macht die Gesellschaft kaputt? Wenn die, die es haben, es nicht für die Gesellschaft einsetzen? Da könnte ich glatt drüber predigen. Denn es hat ja Gründe, warum Kapital ungleich verteilt ist. Weil es immer da wächst, wo es schon vorhanden ist. Und weil der Mensch sich im Normalfall niemanden gegenüber verantwortlich fühlt – außer sich selbst und seinem engsten Familien-/Freundeskreis. Geld entfremdet uns von unseren Mitmenschen, da gibt es wissenschaftliche Studien zu. Wer den Nachbar nicht mehr braucht, weil er für jede Hilfeleistungen jemanden bezahlen kann, der distanziert sich langsam von seinem Umfeld. Und verliert die Bodenhaftung. Aber ich merke schon, ich verliere mich …
      Herzlichen Gruß, Henrik

  9. […] ein paar Tagen hatte ich gefragt ob uns die Arbeitswelt der Zukunft, die newwork im Jahr 2025, in die Vollbeschäftigung oder ins akademische Prekariat führt. Anlass war ein toller Beitrag im Deutschlandradio Kultur, über top ausgebildete und eben auch top […]

  10. Schönen Dank für diese Anstöße und die Diskussion. Ich will mal etwas einseitig mitdiskutieren, einfach um Stellung zu beziehen:

    Was es mir zuallererst zeigt ist: Jeder ist immer erst mal bei sich. Ganz vieles von dem hier geschriebenen kann ich nicht nachvollziehen, einiges doch. Warum nicht? Weil ich glaube, wir neigen alle dazu, unsere private Perspektive zu verallgemeinern und sie dann für richtig zu halten, wenn noch jemand anders auch dieser Meinung ist. Die persönlich geschilderten Beispiele belegen das. Wir schließen daraus, dass jemand gehen musste, weil er sich kurzfristig nicht rechnete, dass alle Firmen so blöd sind. Ich habe als Personalleiter auch solche Erfahrungen gemacht, aber eben auch gegenteilige. Bei dem DR-Beitrag fiel mir das auch auf: Natürlich bekommt man eine ganz bestimmte Perspektive, wenn man immer mit Outplacement zu tun hat. Man hat dann eben immer wieder ähnliche Klienten und Erfahrungen. Dieses Verallgemeinern bringt also nichts.

    Letztlich – und ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage – wird es der Markt richten. Dabei spielt es historisch betrachtet auch keine so große Rolle, ob alle IT-Arbeit bald automatisiert wird. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass solche Schübe mittelfristig zu anderen qualifizierten Arbeitsfeldern führen.

    Was vielleicht überindividuell beobachtbar ist, ist die Verdichtung der Arbeit. Durch die beschleunigte Kommunikation wird immer mehr in immer kürzerer Zeit erwartet. Keine Ahnung, wie man da gesellschaftlich gegensteuert, ich versuche es individuell durch Kompetenz für mich und meine Mitarbeiter.

    Es war noch nie so einfach und transparent, tolle Arbeitgeber zu finden. Das kann man doch machen, wenn es einem nicht gefällt. Wo kommen solche Sprüche her wie „Da draußen findest du nichts“? Das macht Leuten Angst und lässt sich am shitty Status Quo festhalten. Es gibt immer Alternativen, wenn du gut ausgebildet bist. Was uns heute eher zugute kommt, ist, dass wir weniger unseren Status vom Geld abhängig machen. Das macht uns frei, einfach mal zu kündigen und dann etwas neues zu suchen. Ich habe das gerade getan und rate jedem, der an seinem Arbeitgeber verzweifelt genau dazu. Was ist das Schlimmste, das bei einem solchen Schritt passieren kann? Sechs Monate arbeitslos?

    Mich stimmt die Diskussion über New Work positiv. Noch nie war Arbeitgebern und Managern in solchem Umfang klar, dass sich Dinge ändern müssen. Personalentwicklung ist dabei ein ganz wichtiger Punkt, ohne Frage. Aber auch das klappt doch bei guten Firmen. Und wo das nicht klappt: Finger weg, gar nicht erst einen Vertrag eingehen.

    Wir beschweren uns über die Arbeitgeber, das System, die Wirtschaft, die Politik etc. Dabei sind wir alle genau das: Arbeitgeber, das System, die Wirtschaft, die Politik etc. Jeder kann doch seinem Gewissen folgen und die Dinge ändern. Bis das systemisch wird, dauerts, klar. Aber noch mal der Hinweis auf solchen Sinneswandel: Arbeitgeber merken zunehmend, dass Mitarbeiter durch Geld nicht ausreichend zu motivieren sind. Es soll mehr Freizeit sein, es soll sinnvoll sein, der Arbeitgeber muss sich sozial engagieren, grün und fair sein, seine Mitarbeiter weiterbilden, Frauen und Männer gehen in Elternzeit, machen Sabbatical etc. Das ist doch der Wandel, der tatsächlich angelaufen ist. Ich finde das gut.

    Gut, nun bin auch ich beim Schluss von meiner individuellen Erfahrung aufs Allgemeine angekommen. Für ganz viele wird das nicht relevant sein, für ganz viele andere aber doch.

    • Moin Gilbert, sehr schön, vielen Dank für Deinen Input. Mir sind Menschen, die immer so „schrecklich objektiv“ sind, ja durchaus ein wenig suspekt 🙂 Aber erstmal Glückwunsch zur Kündigung und viel Erfolg bei der Jobsuche! Hm, ich bin nicht so optimistisch wie Du. Zumindest nicht für die nächsten 10 Jahre. Ich war ja nun lange Personalberater und habe viel Chefs kennengelernt und mit ganz vielen „Arbeitnehmern“ gesprochen. Ich muss sagen: Richtig optimistisch stimmt mich das, was ich da mitbekomme nicht. Auch bei denen, die kein Ouplacement in Anspruch nehmen (müssen). Du hast natürlich Recht, wir alle sind das System, Arbeitgeber etc. Aber die meisten von uns sind bzgl. des Einflusses ja doch eher limitiert. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen Du jetzt sammeln wirst. Halt mich auf dem Laufenden!
      Herzlichen Gruß,
      Henrik

  11. […] wie Jánszky, aber wer kann schon in die Zukunft schauen? Statt einer rosigen Zukunft sehe ich eher das akademische Prekariat Gestalt gewinnen. Aber mal sehen. Tatsache ist: Weiterbildung bzw. das ständige “Dranbleiben” an neuen […]

  12. […] war sie auch schon im Jahr 2000. Bis der Neue Markt zusammenbrach und der 11. September kam. Aber wenn wirklich der Demografische Wandel in 10 Jahren Einzug in die deutschen Wirtschaftsetagen nimmt, dann sollten wir dafür gewappnet sein. Und die Lösung […]

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