„… dass unsere Arbeitswelt zunehmend verkommt“ / newwork, Einzelschicksal oder Trend?

5. Dezember 2014 | Von | Kategorie: Change HR, Gesellschaft

RecruitingVor ein paar Tagen hatte ich gefragt ob uns die Arbeitswelt der Zukunft, die newwork im Jahr 2025, in die Vollbeschäftigung oder ins akademische Prekariat führt. Anlass war ein toller Beitrag im Deutschlandradio Kultur, über top ausgebildete und eben auch top ausgebeutete Vertreter der GenY. Hier können Sie ihn nochmal nachlesen oder nachhören (hören lohnt sich besonders). Die Reaktionen in den Kommentaren meines Artikels waren super, vielen Dank an dieser Stelle an alle, die sich eingebracht haben. Die Diskussion darf gerne weitergehen, nein, sie muss weitergehen. Weswegen ich jetzt schon wieder schreibe? Ich wollte Ihnen diesen „Leserbrief“ einer erfahrenen Personalerin nicht vorenthalten …

newwork? Ein Praxisbericht des Ist-Zustands

Ich habe diesen Leserbrief minimal gekürzt, ein paar Hervorhebungen vorgenommen und auf Wunsch der Autorin anonymisiert. Warum ich ihn veröffentliche? Weil ich es gut finde, „Stimmung zu machen“? Glauben Sie mir, ich beziehe gerne Stellung und bin ein Freund klarer Worte. Und meine Sicht ist natürlich subjektiv und gefärbt von meinen Erfahrungen. Wenn Sie denken, „dann machen halt andere Erfahrungen, Zaborowski“, haben Sie nicht Unrecht. Aber m. E. gibt es mehr Lesestoff, der uns immer nur die Gewinner zeigt und uns vorgaukelt, wie einfach das Arbeitsleben doch ist. Man muss halt nur wollen … (und sich anpassen). Aber, liebe Leser, das stimmt nicht. Und das möchte ich Ihnen zeigen. Eben auch mit solchen Praxisberichten anderer. Und damit denen Mut machen, die denken, sie machen etwas falsch. Meistens ist das nicht der Fall.

Also, viel „Spaß“ beim Lesen.

 

„Guten Morgen Herr Zaborowski,
ich hatte schon seit einigen Tagen das Bedürfnis, Ihnen einfach mal zu schreiben.
Zum einen, weil ich finde, dass Sie mir als ‚Auch-HR’lerin‘ vielfach aus dem Herzen sprechen und zum anderen, weil Sie mir nun wirklich überall quasi ‚vor die Augen und Ohren fallen‘ – damit meine ich, natürlich, die selektive Wahrnehmung, und je mehr man sich mit einem Thema beschäftigt, umso mehr fallen einem dann eben Dinge auf, die man vorher gar nicht gesehen hat. Angefangen hat alles im Oktober mit einem Coaching bei der werten Svenja Hofert in HH, und da fiel in deren Blog und dann zB im Deutschlandradio Feature immer wieder Ihr Name. Dann lese ich, Sie sind auch mit Stephan Grabmeier bekannt, den ich wiederum kenne. Die Welt ist klein, fürwahr …:-)

Darf ich mich kurz vorstellen, damit Sie wissen, wer ich bin?
44 Jahre, seit 18 Jahre HR Erfahrung in unterschiedlichen Branchen und Bereichen (HR BP, PE Specialist, zuletzt Head of HR, usw), also wirklich ein old professional, und nun ab Februar das 2. Mal innerhalb eines Jahres – arbeitslos. Ja, so kann’s gehen! Und wenn mir noch einer kommt mit Fachkräftemangel, fang ich an, einen Mord zu begehen 🙂

Und nein, ich hab nix zu verkaufen, anzubieten, kein big deal, wie man sagt, es geht mir um den Austausch und das Netzwerken und ja, ich glaube, es hilft, wenn wir, die ‚andersdenkenden HR’ler‘ immer mehr werden. Ich will Sie gar nicht langweilen mit meiner eigenen Geschichte, zeigt sie doch nur einen ‚Trend‘, den man am Markt beobachtet und ich bin offenbar voll dabei :-).Der Markt, wie ich es nenne, und da ist es völlig wurscht, ob KMU oder Konzern, schreit nach Talenten, Andersdenkenden, Anpackern, ach, das wissen Sie besser als ich, als Recruitingexperte. Da wird einem schlecht, wenn man, so wie ich, sich täglich durch Stepstone, Monster und so fort Anzeigen wühlt … immer das gleiche geschwülstige Blabla … das, was da steht, wollen die Firmen doch gar nicht!

Nun hole ich doch aus: ich habe 2012 meinen supertollen internationalen HR Job verloren, weil die Firma (ein bekannter Konzern, Anmerk. HZ)  mal eben 2000 Leute in eine Transfergesellschaft abgeschoben hat. Da bin ich fix raus, bin nach Hamburg, hab ne Elternzeitvertretung befristet angenommen und da noch blauäugig gedacht, wird schon, findste schon was Festes. Dann war das Ende nahe und ich hatte – nix. Der Hamburger Personalermarkt ist sehr zäh, da bewegen sich kaum welche weg, wenn sie mal auf ihren Pöstchen sitzen und die ‚dauer-Offerten‘ bei Goodgames und Co – wo man sich fragt, warum sind die seit Monaten unbesetzt – nein, das will ich nicht.

So, also zurück in den Süden, wenn schon arbeitslos, dann daheim, in Bayern. Dort dann, nach aufkommender Panik nach 5 Monaten, einen Job als Werks-Personalleiterin angenommen, wo mir schon im Gespräch klar war, ohje, nee, da passt Du ja gar nicht rein. So, und dann kam es, wie es kommen musste und was Frau Hofert auch die falsche ‚Passung‘ nennt, ein guter Worker im falschen Umfeld, der geht daran kaputt …
So erging es mir.

Nun frage ich mich aber: ich denke in vielem wie die GenY, dabei bin ich doch X – und ich treffe in den wenigen Interviews, zu denen ich überhaupt noch eingeladen werde, auf junge Damen, frisch von der Uni, die sich Recruiter schimpfen, die Mainstream, Konformität und lückenlose Lebensläufe verlangen, die aber keine Ahnung haben, weder vom sich permanent ändernden Business noch vom Leben und dass es heutzutage normal ist, gescheitert zu sein, Lücken zu haben .. usf. Wem erzähle ich das …

Es macht mich wütend, dass unsere Arbeitswelt zunehmend verkommt, jawohl, verkommt. Auf der einen Seite die, die dick und fett, satt und zufrieden auf ihren Pöstchen hocken, das Wesentliche nicht entscheiden, sich hinter klein-klein Themen verstecken und so tun, als geht sie all das, was gerade auf dem Markt passiert, nichts an. Und ja, mag sein, nennen Sie es Midlife-Crises, veränderte Sichtweise, was auch immer, mit zunehmendem Alter wird man vielleicht kritischer, hinterfragt mehr, man hat halt zuviel Sch*** erlebt, gesehen, was man nicht nochmal braucht.

Es wurde soviel geschrieben von Speichelleckern, A*** kriechern, denen, die suggerieren ‚Arbeit ist alles und ohne bist Du nichts‘ – was für arme Schweine (sorry), spätestens beim nächsten Burnout sind das doch die ersten, die plötzlich ne Sinnkrise kriegen .. nee, es ist vertrackt. Svenja Hofert gab mir Tipps, ich weiss nun, was für ein Karrieretyp ich bin, aber was hilft es mir? Ich überlegte auch lange, es als Interims Manager zu probieren, aber mir fehlt der finanzielle Background und ich kann das schlichtweg nicht finanzieren, lange Zeiten auch mal ohne Verdienst zu sein.

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir uns zusammenschliessen, die, die immer mehr werden, siehe oben, die HR’ler, die anders denken und nach wie vor daran glauben, dass Werte und Sinn noch zählen, und nicht hohles Geschwätz, Jugend und der günstige Einkaufspreis, sprich ein Jahresgehalt weiter unter Niveau.

Ich lass es mir nicht nehmen, mich weiterhin ‚ehrlich‘ zu verkaufen, ICH selbst zu bleiben und mich nicht auf dieses ‚Verkaufsgeschwätz‘ in Interviews einzulassen (was ein verlogenes Blabla ..). Das Schlimme ist ja, es wird ja überall nurmehr gelogen, dass sich die Balken biegen, erst in den Anzeigen (wir bieten … ) und dann im Interview (‚was ich alles kann…). Wie soll da vertrauensvolle Zusammenarbeit erfolgen?
So, lange genug gelabert, im Grunde wollte ich Ihnen nur als ‚Praxisbeispiel‘ zeigen, wie es laufen kann .. und wohin unsere Arbeitswelt mit ‚old school‘ Personalern steuern wird …  Ich verfolge mit Freude und Interesse natürlich weiter, was Sie berichten und freue mich über einen Austausch.“

 

Das war der „Leserbrief“ liebe Leser. Haben Sie eine Meinung dazu? Schreibt hier nur jemand, der frustriert ist, weil der Traumjob gerade mal nicht greifbar ist? Oder steckt doch mehr dahinter? Meine Meinung ist nicht schwer zu erraten. Aber  lassen Sie uns diskutieren. Oder schreiben Sie mir Gegenbeispiele. Ich würde mich sehr freuen. Und falls Sie gerade eine erfahrene HR Managerin suchen … ich leite die Jobangebote gerne weiter 🙂

Herzlichen Gruß,
Ihr Henrik Zaborowski

 

Schlagworte: , , , , , ,

11 Kommentare auf "„… dass unsere Arbeitswelt zunehmend verkommt“ / newwork, Einzelschicksal oder Trend?"

  1. Hallo Zusammen,

    vielen Dank für die Veröffentlichung des Leserbriefes. Vielen Dank für die offenen Worte darin, die teilweise schon sehr frustbehaftet rüberkommen, aber auch einiges Wahres beinhalten.

    Diese Zeit des Umbruchs im HR ist gleichzeitig spannend aber auch unheimlich ANSTRENGEND! Gerade wenn man allein auf weiter Flur gegen Windmühlen kämpfen muss. Ich muss sagen, dass ich froh bin, wenn das Jahr rum ist und man mal ein paar Tage zur Ruhe kommen kann und seine Gedanken wieder neu sortieren, Ziele neu ausrichten und Strategien neu erfinden kann und muss!

    Heute sitzen an den Unternehmensspitzen noch die „alten Hasen“ aus der Babyboomer-Ära, die nun zunehmends mit den Ansprüchen der Gen Y (auch ich zähle mich dazu, auch wenn ich mind. 10 Jahre zu alt dafür bin! 🙂 ), in Arbeit etwas Sinnvolles zu sehen.

    Ganz provokativ: Vom Taylorismus zum humanistischen Führungskonzept

    „Richtiges“ Führen von Unternehmen war niemals einfach. Betrachtet man Unternehmen, kann man feststellen, dass der betriebliche Erfolg im Wesentlichen von den im Unternehmen tätigen Mitarbeitern, ihrer Arbeitsleistung und ihrem ganzheitlichen Zusammenwirken geprägt wird. Der Produktionsfaktor Mensch steht heute immer stärker im Mitte lpunkt. Im Gegensatz zu früheren Betrachtungsweisen, wie dem Ansatz von Frederick W. Taylor, wird der Mitarbeiter mehr und mehr als soziales Wesen betrachtet und stellt den Ausgangspunkt für eine Vielzahl von personalwirtschaftlichen Theorien und Modellen dar.

    Wichtige Faktoren solcher Modelle sind Motivation, Bedürfnisse, Zufriedenheit, aber auch das Verhalten der Mitarbeitern. Führen bedeutet heute Individuen und Gruppen zielgerichtet, in einer formalen Organisation, unter korrekten Umweltbedingungen, dazu zu bewegen Aufgaben zu übernehmen und erfolgreich auszuführen, wobei humane Ansprüche gewahrt werden sollen.

    Das bedeutet CHANGE! Aber auch ich habe schon viele Führungskräfte erlebt, die Feuer und Flamme für neue Ansätze, ja für den sogenannten „frischen Wind“ waren, aber schnell gemerkt haben, dass es ja durchaus bedeuten kann, dass man sichneu ausrichten muss. Ja, sogar seine eigenen Handlungsweisen mal reflektieren muss… Das man plötzlich von einer direkten Personalerin mal den Spiegel vorgehalten bekommt und dann versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie ja gar zu schwarz malt. Also weitermachen wie bisher…. Wasch mich, aber mach mich nicht nass… BOAH, DA KÖNNTE ICH REGELMÄSSIG AUSFLIPPEN! 🙂

    Aber auch gerade diese Reibung macht es für mich interessant – auch wenn es anstrengend ist 🙂 Was muss ich tun, um bestimmte Personen zum Umdenken zu bewegen? Welche Argumente ziehen bei den Babyboomern? Ja, und wie kommt es an, wenn man mal die Punkte „Feedbackkultur und Weiterbildung“ von der Homepage entfernen will, weil es einfach nicht der Wahrheit entspricht? Da wird dann ganz schön sparsam geguckt. Ich sehe es als meine persönliche Herausforderung, hier in den Dialog mit meinen Vorgesetzten zu gehen! Immer und immer wieder! Es sei anstrengend mit mir… Ich hab das mal als Lob aufgefasst! 🙂

    Ich möchte mit einem Zitat von Gandhi schließen:
    Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

    In diesem Sinne!

    Anika Zeimke

    • Moin Anika, vielen Dank, das ist ein absolut valider Punkt. Change ist angesagt und anstrengend. Ich persönlich wundere mich nur immer, wie wenig die Bereitschaft für Change im Großen und Ganzen bei den handelnden Personen gesehen wird. Da ist eher Anpassung das Mittel der Wahl. Warum aufreiben? Wird noch ein paar Jahre gut laufen. Es „fallen zwar immer mehr hinten rüber“, aber das scheint noch keine kritische Masse zu sein. Freut mich, dass Du Dir Deine Enthusiasmus bewahrst 🙂
      Herzlichen Gruß, Henrik

  2. Ich gebe Euch Recht – es braucht den CHANGE. Doch besteht er wirklich nur daraus, Erfahrung zum alten Eisen zu werfen und die Generationen Babyboomer

  3. Ich gebe Euch Recht – es braucht den CHANGE. Doch aktuell besteht er vor allem darin, langjährige Erfahrung zum alten Eisen zu werfen. Und die Generationen Babyboomer und X vorzeitig und ungewollt in den Ruhestand zu befördern. Das ist mir allerdings zu einfach gedacht

    Was macht diese Art des CHANGE mit Unternehmen?

    Unternehmen bluten aus. Denn die Erfahrung ist ein wertvoller Schatz einer Firma, der in schwierigen Zeiten sehr wertvoll sein kann. Denn mit Erfahrung lassen sich manche Klippen umschiffen. Sie weitet den Blick der Möglichkeiten zur Konflikt- oder Problemlösung. Sie erspart teure Fehlentscheidungen, weil eine erfahrene Kraft weiß, dass etwas auch mal wirklich nicht funktioniert und nicht nur „blockieren“ möchte (wie es von den Jüngeren gerne empfunden wird).

    Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung stehen Krisenzeiten und schwierige oder stressige Phasen viel gelassener durch. Sie behalten einen klaren Kopf, wenn es turbulent wird und nicht zuletzt werden sie in vielen Branchen auch von den Kunden gewünscht oder gar gefordert (eine Bank mit sehr jungen Kundenberatern machte die Erfahrung, dass die Kunden mit diesen Youngstern gar nicht arbeiten wollten – und stelle Ältere ein oder qualifizierte diese).

    Zudem haben die Unternehmen bei Älteren die Sicherheit, dass Familien- und Karriereplanung passé sind und die Mitarbeiter zuverlässiger und konstanter arbeiten. Dass Ältere Menschen weniger lernfähig oder technikaffin seien, ist wissenschaftlich längst als unwahr bewiesen. Eher ist das Gegenteil der Fall, weil Ältere kapiert haben, dass das Benutzen des Kopfes durchaus Spaß machen kann – und auch das Zusammenspiel der Generationen als belebend und befreiend empfinden.

    Was macht diese Art des CHANGE mit den Menschen?

    Die Autorin des Leserbriefes bringt es auf den Punkt: Es ist zutiefst frustrierend, wenn man mit 40 + keinen neuen Job mehr bekommt, der auch nur annähernd mit dem zu tun hat, was der Mensch kann und gerne tut. Denn nur was wir gerne tun, machen wir bekanntlich auch gut.

    Gerade wir Frauen hören bis 40 gerne mal, dass wir ja noch im gebährfähigen Alter seien – und das ist eben aus aktueller Sicht ein unternehmerisches Risiko. Ab 40 bekommen wir dann zu hören, wir seien zu alt (das ist mir selbst mit 38 zum ersten Mal ins Gesicht gesagt worden – damals gab es noch kein AGG). Wann bitte sollen wir unsere Ausbildung denn ins Bruttosozialprodukt einbringen? Ach – und jetzt sollen wir doch auch bitte mehr in Vorstände und Aufsichtsräte einziehen? Hey Leute – wie scheinheilig ist das denn?

    Wer es geschafft hat, bis 40 „Karriere“ (oder das, weas uns als solche verkauft wird) zu machen, der fällt in ein unfassbar tiefes Loch, wenn er danach am Arbeitsmarkt spürt, dass er oder sie nicht mehr gebraucht wird. Dass die eigene Qualifikation – für die er/sie hart gekämpft und viel erlebt hat – auf einmal nicht mehr gefragt ist. Wenn Unternehmen Stellen so „hip“ ausschreiben, dass die Generation 40 + sich so gut wie ausgeschlossen fühlt. Wenn Berufsbezeichungen verwendet werden, bei denen kaum einer mehr versteht, was da nun wirklich gemeint ist – und dann noch alles auf Englisch.

    Menschen in der Lebensmitte, deren Kinder aus dem Haus gehen und deren Lebensrahmen abgesteckt zu sein scheint, brauchen und wollen neue Ziele. Sie möchten sich noch entwickeln, lernen und vor allem….gebraucht fühlen. Denn sie haben unendlich viel zu bieten. Ihr Blick über den Tellerrand reicht naturgemäß weiter, als der der Recruiting-Youngster und deren jungen Kollegen.

    BurnOut und Depressionen sind in dieser Altersgruppe weit verbreitet. Auch ich selbst habe das 2001 erlebt als mein damaliger Arbeitgeber aus betriebswirtschaftlichen Gründen (Zusammenbruch Neuer Markt und IT-Krise) die Hälfte der Belegschaft in würdeloser und unmenschlicher Weise von jetzt auf gleich vor die Tür setzte. Ich kenne das Gefühl von: Ich gehöre in dieser Gesellschaft nicht mehr dazu, weil ich ja ohne täglichen Berufsstress und -alltag gar nicht mehr mitreden kann… ich sage Ihnen – das ist kein Spaß und ich habe noch heute mit den Folgen zu tun – denn das Selbstwertgefühl sinkt in solchen Momenten unter den Nulllinie. Denn was wir sind, hat ganz viel mit dem Beruf zu tun. Das hat diese Generation so gelernt und verinnerlicht…

    Die Respektlosigkeit gegenüber den Menschen 40+ am Arbeitsmarkt macht Menschen kaputt. Nachhaltig und manchmal sogar irreparabel.

    Was macht diese Art des CHANGE mit der Gesellschaft – also mit uns allen?

    Das Ansehen der älteren Menschen sinkt. Sie gehören immer früher zum alten Eisen. Ihre Erfahrungen und ihr Wissen fallen als „überholt“ weg – und werden schon in wenigen Jahren der Gesellschaft fehlen. Denn die Gelassenheit, die innere Ruhe und das überlegtere Handeln sind wichtige Werte für ein Funktionieren der Gesellschaft.

    Respektlosigkeiten gegenüber den Senioren – und zwar weit über die Berufswelt hinaus – werden täglich mehr. Im Straßenverkehr, an der Supermarktkasse, im Umgang mit moderner Technik. Mir selbst – aktuell auf der Zielgeraden zur 50 – macht das Angst. ich möchte in dieser Gesellschaft, die so denkt und handelt lieber keine 90 Jahre alt werden (müssen).

    Denken wir doch direkt mal weiter: Menschen über 40 finden keine Jobs mehr, weil sie als zu alt angesehen und lieber durch „Fachkräfte aus dem Ausland“ ersetzt werden – denn diese sind flexibler, formbarer und vor allem billiger. Die Älteren brauchen zunächst die verbliebenen Vermögen auf und fallen in zunehmendem Maß dem Sozialsystem anheim. Die Zeche zahlen also am Ende die, die noch einen Job haben: Die Jungen. Den Profit haben die Unternehmen. Den Frust haben – die Menschen.

    Das ist für mich keine Zukunft, in der ich leben möchte. Deshalb arbeite ich als Respektspezialistin daran, die Generationen miteinander ins Gespräch zu bringen. Auf dass sie entdecken, wie sie voneinander profitieren können und wie wir gemeinsam eine lebenswerte Zukunft gestalten können. Denn die Generationen Y und Z werden die Rentenlast und die Abgabenlast zur Finanzierung einer alternden Gesellschaft keinesfalls alleine schultern können. Also gilt es, jung und alt an einen Tisch zu bringen und win-win-win-Situationen für Junge, Alte und Unternehmen zu gestalten. Und DANN haben wir einen CHANGE, der uns allen etwas bringt.

    • Hallo Bettina, herzlichen Dank für diese Gedankengänge. Sind wir paranoid? Oder wird der Jobwechsel ab 40 wirklich schon schwieriger? Wäre ja ganz schön krank, oder? Ich gehe davon aus, dass die Rente mit 63 ganz schnell wieder zurückgenommen wird und ich (Jahrgang 1972) werde eh bis mindestens 70 arbeiten (wollen?). Und eigentlich hoffe ich, dass aufgrund des fehlenden Nachwuchses die „Alten“ dann auch wieder gebraucht werden. Wir werden sehen …
      Herzlichen Gruß, Henrik

      • Lieber Henrik,

        wie gesagt – ich bekam mit 38 erstmal zu hören: „Sie sind zu alt“. Ich weiß heute, dass es das Synonym für „zu teuer“ war. Doch über Geld hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch kein Wort gesprochen. Für meine Generation (geburtenstarke Jahrgänge) sehe ich ziemlich schwarz. Doch Altersarmut wird ein weitreichendes gesellschaftliches Problem. Also Folge der mangelnden Chancengleichheit für 40+-Kandidaten.

        Nein, wir sind keineswegs paranoid. Nur ein wenig ZU geldfixiert. Unser „Markt“ strebt immer mehr nach Gewinnmaximierung – und lässt dabei die Menschen auf der Strecke. Vorher allerdings macht er sie – teils sogar systematisch (siehe Handel, Bankensektor, Automobilindustrie, Energiesektor + Co.) – kaputt. Und wir nehmen es (noch !) hin.

        Es wird Zeit für einen Aufstand der „Alten“, die ja in Wirklichkeit noch kein bißchen „alt“ sind.

        Engagierte Grüße
        Bettina

  4. m sagt:

    danke, danke, danke für diese offenen Worte.

    Ja, der Arbeitsmarkt verkommt.

    Und so lange es hip ist qualifizierte HR / Recruiting Arbeit nur noch von Praktikanten oder Geisteswissenschaftlerinnen , die „so wahnsinnig gerne mal was mit Menschen machen wollen“, erledigt werden soll, natürlich zu einem „Gehalt“ was den Namen nicht verdient – dann Gute Nacht

    Und wer was sagt (auch intern im Unternehmen ) wird auch gerne mal mit fadenscheinigen Begründungen gekickt.

    Und nein, ich sehe in diesem offenen Brief keinen Frust, sondern Tatsachen.

  5. Marc Mertens sagt:

    Nabend,

    das macht mir zum 2. Advent und im nächsten Jahr zum Start meiner zweiten Halbzeit ab 40 ja wahrlich Mut. Mittlerweile konnte ich den Fängen der Personaldienstleistungen und Ingenieurs-Projektunternehmen entkommen, aber ich habe bereits aus meiner letzten Jobsuche keine besonders guten Erfahrungen machen dürfen. Weder von Seiten der Recruiter/innen, noch von den dann folgenden Führungskräften.

    Man sucht weiterhin die „eierlegende Wollmilchsau“ mit fertiger Familienplanung, Lust an exzessiven Überstunden, überdurchschnittlicher Abschlüsse und absolut lückenloser Werdegänge. Und oh nein, da kommt ein Querdenker daher. Der erdreistet sich und hat auch noch Ideen! Der guckt nach vorn, der guckt zur Seite, der bindet ein und der versteht HR nicht als „Menschliche Ressource,“ sondern als das wichtigste Bindeglied zum Erfolg. Ach ja, sagte ich schon das man bittschön nur max. 28 Jahre alt sein sollte. Vor allem und besonders gerne natürlich in Bezug auf das Gehalt.

    Ich verstehe da die Schreiberin des Leserbriefs sehr gut und befürchte, dass wir genauso den Innovationen hinterher hecheln, wir wir es bereits mit den Fachkräften gerade selbst provozieren.

    Menschen sind bunt, Menschen machen Fehler, Menschen lernen NUR aus ihren Fehlern und Menschen binden sich an Menschen – nicht an lustige Arbeitgebermarken, fette Gehälter oder tolle Images (jedenfalls nicht alle.)

    ;-))

    In diesem Sinne hoffe ich weiter auf mehr „Frechmut“ und querdenkende HRler, die einen Lebenslauf tatsächlich richtig lesen können – besonders können und weniger wollen. Denn bei meinem Treffen auf meine eigene Zunft, war ich eher beschämt von dem Wissen, was da aus meinem CV extrahiert oder hineininterpretiert wurde. Aber das wäre eine eigene Story wert und vor allem, als mir dann gewissermaßen doch der Kragen platzte.

    Wünsche allen eine schöne Weihnachtszeit und vorab einen guten Start ins neue Jahr.

    Mit freundlichen Grüßen
    Marc Mertens

    • Moin Herr Mertens, vielen Dank für diesen (wie immer :-)) persönlichen Beitrag. Auch wenn er meine Bedenken und Erfahrungen leider bestärkt. Dann hoffen wir mal, dass Gilbert Recht hat und uns zeigt, dass es auch anders geht. Einen guten Start erstmal in die neue Woche. Wer weiß, vielleicht lesen wir ja bis Weihnachten nochmal voneinander?
      Herzlichen Gruß,
      Henrik Zaborowski

  6. Ayfer sagt:

    Nach dem Studium in D war ich 12 Jahre im Ausland (u. a. 9 Jahre USA). Als ich mich dann in D beworb, fragte mich ein Personaler mal während des Interviews: „Wir wissen, dass es in den USA keine Krankenversicherung gibt und dass es dort das Hire und Fire gibt. Können Sie mir versichern, dass Sie die nächsten 15 Jahre bei uns arbeiten werden?“

    Erstens, es gibt Krankenversicherung in den USA, ich habe immer krankenversichert gearbeitet (hatte sogar eine sehr gute Krankenversicherung).
    Zweitens, das Hire und Fire geht nicht vom Mitarbeiter aus, sondern vom Unternehmen. D. h., der Personaler hätte mir die Stelle für die nächsten 15 Jahre garantieren müssen. 🙂
    Ich habe dann diplomatisch geantwortet, bin im Anschluss an das Interview nach Hause und habe meine Bewerbung zurückgezogen. 🙂

  7. Ich verstehe die Erfahrungen der Autorin mache durchaus selbige Beobachtungen. Die beschriebene
    Entwicklung ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass sich die HR-Funktion
    gesamthaft verändert hat, so wie ja auch schon bei den Vor-Kommentatoren richtig bemerkt.
    Vom unabhängigen Entscheider und Weichensteller für
    die Personalpolitik eines Unternehmens hin zu einem operationalen Dienstleister,
    dem höchstenfalls eine beratende Funktion im Sinne der HR Business Partner
    zugestanden wird, aber letztendlich ohne Entscheidungs-Befugnisse aber mit
    voller Umsetzungsverantwortung. Die HR-Funktion sitzt zwar am „viel gerühmten
    Tisch“ (der Geschäftsleitung) aber eher als beratendes Beiwerk, nicht als
    „Partner auf Augenhöhe“ und schon gar nicht als gleichberechtigter „Bestimmer“,
    auch wenn dieses gern so suggeriert wird. Dies wirkt sich in der Konsequenz
    unweigerlich auf die erforderlichen Kompetenzprofile und die gewünschten
    Persönlichkeitstypen aus. Da sind „Charakterköpfe, Querdenker, Impulsgeber und
    Vorausdenker“ nicht unbedingt ganz vorne im Rennen.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: