Karriere – was ist das überhaupt? Und kann „man die machen“? Viele würden sagen: „Ja klar! Alles eine Frage des Wollens!“. Ich sage: „Das kommt auf das Leben an“. „Das Leben“ – ein spannendes Etwas, das in unserer Arbeitswelt irgendwie keine Rolle zu spielen scheint. In Managementbüchern findet sich nichts über das Leben. Dafür ganz viel über Methoden, Standards und Theorien, wie Wirtschaft funktioniert. Und Organsiationen. Und Menschen. Aber „das Leben“ kommt in diesen Büchern nicht vor. Und damit haben sich alle Managementtheorien als nutzlos geoutet. Aber ich schweife wieder ab.

Letzten Samstag hielt ich bei den HR Innovation Day 2015 in Leipzig einen etwas konfusen Vortrag über das Recruiting – und das Leben. Und was dann folgte, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.

Karriere – wenn das Leben nicht mitspielt

Der, nicht nur in der HR Blogger Szene geschätze Prof. Peter Wald hatte mich als Keynote Speaker zu seinen „HR Innovation Day 2015“ nach Leipzig eingeladen. Mit der Bitte (und Vorankündigung) „gegen den Strich zu bürsten“ und „ruhig kontrovers zu sein“. Grundsätzlich kein Problem für mich, aber ich fühlte mich dann doch unter Druck. Als Thema hatte ich mir das „Recruiting der Zukunft“ auf die Fahne geschrieben. Aber in der Vorbereitung konnte ich mich nicht auf einen Schwerpunkt festlegen. Auf der Hinfahrt bastelte ich schnell doch noch ein paar Folien und entschied mich am Abend vorher dafür, ruhig etwas philsophisch zu werden. Entsprechend war der Vortrag nicht wirklich detailliert ausgearbeitet. Das machte aber anscheinend nichts. Denn anschließend bekam ich jede Menge positiver Reaktionen (die ich Ihnen hier erspare, der Artikel wird eh schon wieder zu lang …). Wer sich die Präsentation ansehen möchte (die allerdings ohne die gesprochenen Ergänzungen nicht ganz selbsterklärend ist) findet sie hier auf meinem slideshare Profil.

Was ich gleich mit Ihnen teilen möchte, ist die „Lebensgeschichte“ einer Zuhörerin, die mir anschließend schrieb. Und die damit wieder bewies, dass Karriere eben nicht (immer) planbar ist. Genauso wenig wie Erfolg! Sondern vor allem von ganz vielen Umständen abhängt. Auf die wir oft keinen Einfluss haben. Denn „manchmal kommt es eben anders als man denkt“. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen auch ganz herzlich das Buch „Organisation in Komplexität“ von Niels Pläging empfehlen. Er räumt mit der Illusion auf, dass sich Organisationen in die Zukunft steuern lassen. Das ist absoluter Blödsinn. Genauso wie die Illusion, Erfolg sei individuell – und ich ergänze: planbar!

Aber nun, damit der Artikel nicht endlos wird: Hier der Brief der Zuhörerin. Wie sie selber schrieb, sicherlich „alles bissl überspitzt formuliert“. Aber der Kern passt. Also, wie Spaß beim Lesen vom Leben. Demnächst folgt dann auch noch ein kleiner „Teil 2“.

Karriere – als Wendekind

„Ich bin ein typisches „Wendekind“. Abitur 1991 mit „Eins“ abgeschlossen. Ich war von der 9. bis zur 12. Klasse auf einer Spezialschule zur Vorbereitung auf das Russischlehrerstudium, d.h. wir hatten Russischunterricht bei Muttersprachlern und nach dem Abitur war ein Lehramtsstudium angesagt: natürlich Russisch mit allen möglichen Kombis: Deutsch, Englisch, Geographie, Geschichte oder Sport…wenn ich mich richtig erinnere. Natürlich habe ich das Studium (Russisch/Englisch) 1991 an der Uni Potsdam begonnen. Nach zwei Semestern konnte ich es nicht mehr ertragen:
+ vorsintflutliche Lehrmethoden. Hörtexte in Fremdsprache vom Tonband
+ uralte Professoren
+ Zeithorizont: mind. 5 Jahre plus noch ein Jahr Referendar wo auch immer in der Republik
+ und die entscheidendste Frage: Wer braucht noch Russischlehrer???

So verließ ich die Uni im Juni 1992. Geläutert von diesem „hoch wissenschaftlichen Studium“ wollte ich jetzt was ganz anderes machen, was mit Menschen. Ich wollte Sozialpädagogik studieren. Dafür brauchte ich vorab ein gültiges Praktikum. Gern hätte ich im Kinderheim gearbeitet, aber man bot mir einen Praktikumsplatz im Altenheim in meiner Heimatstadt an. Am ersten Tag begann mein Dienst auf Station 3 damit, dass die Oberschwester zu mir sagte: „Sie gehen in dieses Zimmer und erledigen den Morgendienst.“ Dann drehte sie sich auf dem Absatz um; mit einer Fahne von Wodka und Zigaretten schwebte sie in ihr Büro zurück. Ich öffnete die zugewiesene Zimmertür. Eine Geruchsmischung aus Fäkalien und verbrauchter Luft stieg mir in die Nase. Ich sollte fünf ältere bettlägerige Herren waschen, windeln und rasieren.

In mir kämpfte die Übelkeit mit der Frustration. Nach diesem Tag wollte ich da nie wieder hin gehen und schon gar nicht mehr Sozialpädagogik studieren. Aber mein Vater sagte: „Was man angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen.“ So betete ich die nächsten zwei Monate für jeden Tag, den ich lebend die Station wieder verlassen konnte. In dieser Zeit gab es auf der Station drei Todesfälle, zwei schwere Stürze mit Brüchen und keinerlei Zeitvertreib für die alten Menschen, geschweige denn hätte jemand Zeit gehabt, mit ihnen spazieren zu gehen oder mal ein nettes Wort zu wechseln.
Heute kann ich diese Zeit mit etwas Abstand betrachten und bin nur noch traurig über die Zustände dort. Wenn man einmal in so einer Einrichtung drin ist, flachen alle Wahrnehmungen und Gefühle ganz schnell ab. Übrigens, die Oberschwester hat sich zwei Jahre später erhängt.

So begann ich im September in meiner Heimatstadt eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau. „Gute Beziehungen“ meiner Mutter und der Satz: „Mit Sprachen kann man auch im Tourismus viel anfangen“ hatten mir diese Lehrstelle ermöglicht. Schon im ersten Jahr meiner drei Jahre Ausbildung lernte ich den „Mut zur Selbständigkeit“ der neuen West äh Ostbürger kennen: meine Chefs waren ein Ehepaar, die sich vor einem Jahr mit dem Reisebüro selbständig gemacht hatten.

  • Sie: verkaufte nebenbei Versicherungen und wollte natürlich auf den Zug der „neuen Reichen“ durch Videotheken, Reisebüros oder Fitnessstudios aufspringen. Wir hatten damals ungelogen 13 Reisebüros in der Stadt bei noch ca. 18.000 Einwohnern, vor der Wende waren es gut 25.000… der „Schwund“ war jetzt im Westen.
  • Er: gelernter Dreher mit einem Hang zu Zahlen: daher machte er gleich einen Kurs als Berater im Lohnsteuerhilfeverein.

Leider hatte das alles nichts mit Tourismus zu tun. So ging ich brav zur Berufsschule und am Nachmittag ins Reisebüro, weil ja sonst niemand da war, der „Ahnung hatte“. Eigentlich hätte ich die Ausbildung lt. meinem Klassenlehrer an der Berufsschule eher abschließen können, aber das wollte natürlich mein Ausbildungsbetrieb nicht. In den drei Jahren hatte ich für so viel Umsatz/Gewinn gesorgt, dass sich beide ein nagelneues Auto (bar bezahlt) leisten und ein schlüsselfertiges Haus bauen konnten. Mein Lehrlingsgeld waren damals im 3. Lehrjahr 405,00 DM…das lag knapp unter der Beitragsbemessungsgrenze der Krankenkasse, so dass ich wenigstens keine Beiträge zahlen musste.
Ich war auch richtig selbständig: hatte eine 28 qm Wohnung mit Ofenheizung und WC war eine halbe Treppe tiefer, welches immer von zwei Mietparteien zu benutzen war.

Am Tag vor meiner mündlichen Abschlussprüfung sagte meine Chefin zu mir: „Ab morgen bist Du unsere Büroleiterin und wir werden neue Lehrlinge einstellen, die Du dann ausbilden darfst.“ So motiviert schaffte ich meine mündliche Prüfung und natürlich den Abschluss gesamt wieder mit „Eins“.
Leider nütze mir das wohl so gar nichts. Als ich das Büro als „Fachkraft“ betrat, kam mir meine Chefin schon wild gestikulierend entgegen. „Wir müssen alles anders machen. Sie müssen sich arbeitslos melden und in sechs Monaten stelle ich Sie mit einer tollen Förderung wieder ein. Na, wie finden Sie das?“ Mir fehlten die Worte und selbst wenn nicht, was hätte ich darauf antworten sollen. So ging ich zum Arbeitsamt und meldete mich…hätte ich ja so oder so machen müssen.
Ich hatte noch eine wichtige Zahl bei meiner Heimatstadt zu diesem Zeitpunkt vergessen: 28 % arbeitslose Einwohner, zu denen ich jetzt auch gehörte.

Durch mein geringes Lehrlingsgeld hatte ich nicht viel zu erwarten. So ging ich trotzdem jeden Tag ins Reisebüro. Das ging fast genau sechs Monate so. Es war der 30. April. Voller Hoffnung dachte ich an den 02. Mai, weil ja da meine Notlage enden sollte. Doch weit gefehlt. Inzwischen hatte sich das Ehepaar an den Status gewöhnt und wollte natürlich mehr vom Kuchen. Also O-Ton: „Überlegen Sie sich doch mal über den Maifeiertag, wie Sie die Karre aus dem Dreck ziehen und wir noch mehr Umsatz machen können. Ansonsten können wir Sie nicht wieder einstellen.“
Ohne Kommentar verließ ich das Büro. Am 2. Mai teilte ich meiner „Ex-Chefin“ mit, dass ich nicht mehr gewillt war, für irgendjemand die „Karre aus dem Dreck zu ziehen“. Da fing sie an zu weinen und meinte: „Was sollen wir nur ohne Sie machen?“ Ich hatte die Bürotürklinke schon in der Hand und entgegnete: „Zur Insolvenz bringe ich Ihnen einen Blumenstrauß.“ Das dauerte dann nur 8 Monate, aber dafür waren mir die Blumen dann zu teuer.

So konnte ich mich jetzt auf die Suche nach einer neuen Stelle konzentrieren. Drei Monate später hatte ich ein Gespräch bei einer Fahrschule. Die Chefin war die erste Fahrlehrerin, welche im Land Brandenburg alle Klassen ausbilden konnte. Sie wollte auch ein zweites Standbein, wenn die Fahrschüler aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge ausgehen sollten.
Sie sagte: „Sie machen das schon!“ Sie haben doch schon mal ein Büro aufgebaut. Ich habe davon keine Ahnung!“ Wenigstens war sie die Erste, die es offen zugab. So baute ich mein zweites Reisebüro auf. Nebenbei organisierte ich die Anmeldungen, den Theorieunterricht und Erste-Hilfe-Kurse für die Fahrschüler – auch als „Ersatzpuppe“ für die stabile Seitenlage, wenn wenig los war.

Nach zwei Jahren wachte ich eines Nachts schweißgebadet auf. Ich hatte geträumt, dass meine Chefin mir Glückwünsche zum Eintritt ins Rentenalter überbracht hatte. Sie sagte: „Natürlich hoffen wir, dass Du noch viel Jahre bei uns im Reisebüro bleiben wirst.“ Ich sah mich plötzlich als alte Frau am Counter sitzen gegenüber den seidenbestrumpften älteren Damen, die mit dem Bus nach Spanien wollten. Da schoss mir eine Frage durch den Kopf: „Solle es das gewesen sein- dein Leben?“ Ich wollte nicht bis an mein Lebensende älteren Damen und Herren Busreisen verkaufen.

So bewarb ich mich um einen Studienplatz und kündigte kurz vor den kommenden Semesterferien meinen Job. Meine Chefin zeigte keinerlei Verständnis für mein neues Lebensziel und wir landeten sogar noch vor dem Arbeitsgericht, weil sie mir den restlichen Lohn nicht zahlen wollte. Angeblich hätte ich Fahrschulgelder veruntreut. Die Gewerkschaft boxte mich raus, ein Vergleich wurde geschlossen und ich hatte mein Geld zusammen für den Umzug – nach Leipzig. Natürlich musste ich wieder für drei Monate zur Arbeitsagentur, aber zumindest verschonten sie mich mit Jobangeboten, da ich ja schon den Studienplatz hatte.

Jetzt, dachte ich, wird alles besser…aber es gab noch Anfangsschwierigkeiten. Für mein Studium brauchte ich Geld. Bafög hatte ich schon in Potsdam bezogen, also blieb nicht mehr viel übrig. Dazu kam, dass meine Familie jegliche finanzielle Verantwortung von sich wies. Schließlich hätten sie mir schon zwei Ausbildungen bezahlt, was ganz einfach nicht stimmte. Ihre Hilfe sollte sich zukünftig auf monatliche Naturalien stützen (ein Toastbrot und eine Gurke). So hoffte ich auf Eltern unabhängiges Bafög, was mir letztendlich gewährt wurde, nachdem ich die letzte Quittung mit drei Wochen Ferienarbeit nachweisen konnte, damit die sechs Jahre Unabhängigkeit voll waren.

Das Studium lief gut durch. Ich verpasste knapp die Regelstudienzeit, da mein Professor für die Durchsicht der Diplomarbeit ein Semester mehr brauchte. Zum Ende der Studienzeit brach bei meiner WG-Mitbewohnerin die Schizophrenie aus. Sie projizierte alles auf mich, sperrte mich in der Wohnung ein und wollte mich in die Psychiatrie einweisen lassen. Zum Glück hatte ich mich an eine Selbsthilfegruppe gewendet, die mir zusammen mit meiner Schwester in dieser Zeit sehr geholfen haben.

Seit dem Studienende geht es immer aufwärts und hoffentlich nie mehr abwärts. Natürlich möchte ich diese Erfahrungen nicht missen, denn nur, wer auch diese Seite des Lebens kennt, kann mit Freude die andere Seite leben.“

 

Das war der Bericht. Und zum Abschluss noch ein Hinweis: Wenn Sie mir nicht glauben, dass Erfolg nicht wirklich planbar und nicht individuell ist – und Sie immer noch meinen, eine Personalauswahl anhand von Noten, Ausbildung, Erfahrung und Erfolgen (natürlich alles dargereicht in einer wunderschön aufbereiteten „Bewerberung“) ist fundiert – dann schauen Sie doch nochmal in die Präsentation. Da sind werden nämlich deutliche klügere Köpfe zitiert als ich 🙂

Herzlichen Gruß,
Ihr Henrik Zaborowski