Sourcing in der Praxis: „Bild“ Dir keine Meinung!

4. Februar 2016 | Von | Kategorie: Recruiting

Sourcing ist keine Raketenwissenschaft, hat aber seine nicht zu unterschätzenden Tücken. Die Techniken lassen sich lernen. Zum Beispiel in Sourcing Trainings von Barbara Braehmer. Was aber genauso wichtig ist, ist das mindset, wie ich in meinem letzen Artikel „DER Schlüssel für erfolgreiches Recruiting“ schrieb. Und welche Bedeutung das mindset in der Praxis des Sourcing und der Personalauswahl hat, möchte ich Ihnen an einem „echten Fall“ aus meinem Sourcing Alltag schildern. Glücklicherweise mit Happy End. Und am Ende können Sie sogar noch einen kleinen „Sourcing Wissenstest“ machen. Also, bereit?

Erster Eindruck? Echt jetzt?

Letztes Jahr bin ich fast selber in eine Falle gelaufen, vor der ich Sie, meine treuen Leser, immer warne (übrigens noch ein spätes „Gesegnetes neues Jahr“!! Das ist tatsächlich mein erster Blogartikel 2016 …). Es war ein heißer Sommertag und ich hatte schon diverse Suchstrings durch, um passende Kandidaten für einen Auftrag zu finden (es ging um einen Job im Vertrieb, Details müssen Sie sich weiter unten selber erarbeiten, aber jetzt erst einmal weiterlesen). Die Trefferübersicht auf XING las sich diesmal gut, Mitarbeiter von einschlägigen Wettbewerbern meines Kunden waren dabei und ich scrollte also routiniert und professionell (wie ich dachte) die Trefferliste durch. Dabei fiel mein Blick kurz auf die Trefferanzeige eines grundsätzlich sehr interessanten Profils. Allerdings mit diesem Bild.

Bild Trefferliste

Ich stoppte kurz und verwarf das Profil dann sehr schnell mit dem Gedanken „was ist das denn für ein komischer Vogel?“. Keine Minute später ging meldete sich mein schlechtes Sourcer Gewissen und ich ging nochmal zurück um mir das ganze Profi anzusehen. Denn, worauf weise ich bei jeder passenden Gelegenheit hin? Dass ein Bild keine Aussagekraft über die Eignung eines Menschen für einen Job hat! Und das musste ich mir selber diesmal auch sagen. Und tatsächlich, abgesehen vom Bild passte dieser „Kandidat“ nämlich sehr gut zum Anforderungsprofil meines Kunden. Also schrieb ich ihn an und schilderte kurz sowohl den Job als auch den Arbeitgeber. Und bekam kurze Zeit später schon eine Rückmeldung. Allerdings keine sehr euphorische. Ihm sei der Job und das Umfeld noch nicht so richtig klar und soooo spannend lese es sich jetzt nicht. (hm, und ich dachte, ich wäre der große Kommunikator …) Allerdings war der Kandidat tatsächlich gerade konkret „auf dem Sprung“ und deswegen gesprächsbereit. Also verabredeten wir uns zu einem Telefonat. Zum Glück.

Wie trotz Fehlern doch noch etwas Gutes entsteht

Hatte ich schon erwähnt, dass Recruiting nichts anderes als Kommunikation und Entscheidungen ist? Bestimmt. Und die große Kunst als Recruiter und Sourcer ist es, in die Kommunikation, den gemeinsamen Dialog, zu kommen. Denn nur im Austausch können Sie Ihre Vermutungen verifizieren – oder sich eines Besseren belehren lassen. In unserem Telefonat stellte sich durch Fragen und Antworten schnell heraus, dass a) der Job eigentlich sogar sehr interessant für den Kandidaten ist und b) er umgekehrt sehr gut zu meinem Kunden passt. Auch (oder gerade?) mit seiner Persönlichkeit. Die nämlich tatsächlich nicht so ganz „mainstream angepasst“ ist. Sonst gäbe es wohl auch kaum dieses Foto.

Der nächste Schritt war das persönliche Gespräch beim Kunden. Und auch hier muss ich wieder sagen: Das ist nochmal gut gegangen. Denn es gab zwei Momente im Gespräch, in denen der Bewerber keine glückliche Figur machte. Und die Euphorie beim Kunden etwas dämpfte. Einer davon war der Moment, als klar wurde, dass er das Leistungsportfolio des Kunden noch nicht richtig verstanden hatte. Ein faux pas, oder? Denn was erzählen uns doch alle Bewerbungsratgeber? „Informieren Sie sich über das Unternehmen und seine Produkte“. Grundsätzlich auch richtig. Aber kann ich allen Ernstes von einem Bewerber (der ja in der Regel im Job ist und ja auch noch nicht mal wirklich weiß, ob er für mich arbeiten möchte) erwarten, dass er/sie ALLES gelesen und verstanden haben muss, was mein Unternehmen so macht? Nicht wirklich, oder? Schließlich gibt es auch seitens des Arbeitgebers eine gewissen Bringschuld. Naja, das ist meine Meinung. Offen gesagt kenne ich genug Fachbereiche und auch Personaler, die den Prozess an dieser Stelle abgebrochen und sich im Recht gefühlt hätten. Dankenswerterweise nicht dieser Kunde. Der hat auch ein gesundes Selbstverständnis und nimmt sich selbst nicht zu wichtig. Ansonsten passte der Bewerber nämlich tatsächlich sehr gut. Also kam es zu einem Zweitgespräch (in dem das Thema übrigens nochmal abgeklopft wurde!) und schließlich zur Einstellung. Und inzwischen zur überstandenen Probezeit und Zufriedenheit auf beiden Seiten.

Warum unsere Personalauswahl so schwierig ist

Und jetzt frage ich Sie: Wie oft haben wir schon jemanden nicht angesprochen oder ihm direkt abgesagt, der eigentlich super auf den Job gepasst hätte? Wir wissen es nicht. Aber meine Erfahrung sagt mir: Das dürften ziemlich oft passieren! Aber wir haben ja nicht die Zeit oder die Lust oder das mindset oder ganz praktisch auch gar nicht die Möglichkeit, mit ALLEN eventuell passenden Menschen über den Job zu sprechen. Wir sortieren blitzschnell aus. Meistens anhand völlig unsinniger Kriterien, die im wesentlichen Vermutungen sind. In diesem Fall konnten wir das verhindern. Warum? Weil alle Beteiligten nicht auf ihren ersten Eindruck gehört haben, sondern über ihren Schatten gesprungen sind, um dem Gegenüber eine faire Chance durch einen gemeinsamen Austausch zu geben. Und das funktioniert, wenn wir uns die Zeit dafür nehmen (können). Deswegen behaupte ich ja auch, dass das Recruiting der Zukunft aufwändiger, menschlicher, aber eben auch erfolgreicher wird.

Ich sollte im November 2015 bei den HR Excellence Days in Augsburg genau dazu einen Vortrag halten. Über das Recruiting der Zukunft und natürlich sollte da die Digitalisierung eine Rolle spielen. Aber ich habe mich aber dann spontan dazu entschieden, den Fokus rein auf die Personalauswahl zu legen und die Digitalisierung wegzulassen. Heraus gekommen ist dieser Vortrag. Etwa ab Minute 9 geht es mit der Personalauswahl los. Wenn Sie die Folien dazu interessieren, die finden Sie auf slideshare „Das Recruiting der Zukunft“.

 

Sourcing ist Technik & Mindset – und erlernbar

Sie wissen wie ich: Erfolgreiches Sourcing ist eben nicht nur eine Frage der Technik. Die Technik ist die Grundlage (und ändert sich ständig!) und die können Sie übrigens lernen! Zum Beispiel in einem Training über die „Active Sourcing Basics“ am 12. Februar in Bonn, bei Barbara Braehmer (da werde ich auch dabei sein. Was ist mit Ihnen?) Aber neben der Technik ist Sourcing tatsächlich immer eine Gratwanderung aus Wissen, Erfahrung und Vermuten. Und ich denke, das liegt in der Natur der Sache. Natürlich können Sie teilweise aus  Profilangaben herauslesen, ob jemand evtl. „auf dem Sprung“ ist oder auf den Job passt. Aber Sie wissen es noch nicht wirklich. Und daher müssen Sie sich entscheiden, ob Sie im Zweifel JEDEN anschreiben (was Spam wäre und ich Ihnen nicht empfehle) oder ob Sie so selektiv sind, dass Sie den einen oder anderen auslassen, der es am Ende geworden wäre.  Und es ist ja nicht so, dass XING oder Linkedin die Lösung aller Sourcingprojekte sind! Ich habe, wie Sie wahrscheinlich auch, festgestellt, dass die wenigsten XING Nutzer eine Ahnung haben, welche Einstellungen sie auf XING gewählt haben. Von einem aktuellen Profil ganz zu schweigen. Und dass ich von XING immer emails bekomme mit der Frage, „warum werden Sie von headhuntern nicht häufiger gefunden“, zeigt mir, dass XING das Problem auch kennt (und natürlich seine ProJobs Mitgliedschaft verkaufen will). Da gibt es Mitglieder, die als Status „aktiv auf Jobsuche“ sind, aber die Nachrichtenfunktion blockiert haben (???) oder in ihrem Profil stehen haben: „Suche keinen neuen Job“. Oder vor einem halben Jahr gewechselt und den Status nicht angeglichen haben. Andere haben „kein Interesse an Jobangeboten“, schicken Ihnen aber auf einmal eine Nachricht, dass sie wechseln möchten. Naja, wem schreibe ich das, Sie kennen das.

Was ist das Fazit? Tauschen Sie sich mit anderen Sourcern aus. Das ist neben dem eigentlichen „Tun“ immer noch die beste (und netteste) Möglichkeit, Neues zu lernen und seine skills zu verbessern. Einen mini „sourcing hack“ können Sie jetzt übrigens noch ausprobieren. Finden Sie doch mal heraus, wer der nette Typ auf dem Bild oben ist. Da gibt es einen relativ einfachen Trick. Und wer es braucht, kann noch die Stichworte „Sales“ und „Recruiting“ im Hinterkopf behalten.

Schreiben Sie Ihr Vorgehen doch einfach im Kommentar. Vielleicht kennen Sie ja noch einen anderen Trick als ich? Dann lerne ich auch wieder was. Würde mich freuen.

Also, dann sehen wir uns vielleicht am 12.2 in Bonn beim Sourcing Training? Und wenn nicht, lesen wir im Zweifel hier wieder voneinander. Bis zum nächsten Blogeintrag vergeht hoffentlich nicht wieder ganz so viel Zeit ….

Herzlichen Gruß,

Ihr Henrik Zaborowski

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15 Kommentare auf "Sourcing in der Praxis: „Bild“ Dir keine Meinung!"

  1. Frau Kolb sagt:

    Hallo Herr Zabarowski,

    das musste ich doch gleich mal probieren 😉 Eigentlich wollte ich über die Google-Bildersuche gehen, aber dann habe ich schon vorher den Namen der Grafik entdeckt.

    Beste Grüße

    • Hallo Frau Kolb,
      na, Sie sind aber schnell 🙂 Genau, die Bildersuche wäre auch mein Weg gewesen. Auch, um weitere Kanäle/Online Profile von Ben zu finden.
      Herzlichen Gruß,
      Henrik Zaborowski

      • Joerg Hoefig sagt:

        Hallo Henrik,

        Google bietet ja 2 Möglichkeiten bei der Bildersuche. Entweder mit Suchbegriffen oder ganz ohne Eingabe nur mit dem Foto. Einfach Foto bei Google hochladen und los. Hilf auch sehr zur Kontrolle an welchen Stellen im Netz Bilder von einem stehen.

        Gruß Joerg

  2. Jakob sagt:

    Klasse Artikel, noch klasserer Vortrag in Augsburg! 😉
    Zum Video, so um Minute 15:
    Es ist so unverschämt wahr, dass die ersten beruflichen Entscheidungen und gemachten Abschlüsse so dermaßen stigmatisierend sind, dass es kaum eine Chance gibt, dem zu entfliehen.

    Dabei bieten Menschen mit „Patchwork-Karrieren“ durch ihre ungewöhnlichen Erfahrungen und Blickwickel ein unglaubliches Potenzial. Es muss ja nicht die gesamte Abteilung aus jenen Menschen bestehen. Aber ein paar untypische Perspektiven sorgen für gesunde Reibung und Austausch!

    Hachja, und die Lückenlosigkeit….

    Danke für die klaren Worte!
    Grüße aus Wien,
    Jakob

    • Dankeschön Jakob, für die warmen Worte. Ja, wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber ich denke, die Unternehmen werden automatisch flexibler (werden müssen), weil es immer mehr Karrieren mit Brüchen und Querschlägen gibt. Hoffentlich habe ich Recht 🙂
      Herzlichen Gruß,
      Henrik

  3. Rita Seidel sagt:

    Jahaha. Sourcing ist Detektivarbeit. Nicht Detektiv spielen, sondern Detektiv sein.

    Ich habe mir angewöhnt, anfangs eine leidlich genaue Persona zu entwerfen. Dadurch fällt mir das Ausblenden von üblichen Denkmustern (Bildermachen) leichter. Im Laufe der Suche wird die Persona immer besser, die Suchergebnisse auch.

    Danke für den tollen Beitrag!

  4. Stefan Kempf sagt:

    Hallo, Herr Zabarowski,

    Ich habe die Funktion „Element untersuchen (Klick rechte Maustaste) genommen. Damit klappt es auch (wenn das Bild entsprechend benannt ist).

    Mit freundlichen Grüßen

  5. Anika Zeimke sagt:

    Moin Hendrik,

    wie so oft: You are my Soulmate!

    Xing hat noch die Schwierigkeit von einer Business-Plattform zu einer Recruiting-Plattform zu mutieren – sofern das gewollt ist… Scheint da keiner so genau zu wissen. Plattformen wie Placement24 und Experteer lösen das weitaus besser und auch dort zahlen die Kandidaten und Sourcer für eine Premium-Mitgliedschaft. Hier wird der Status der Kandidaten aber regelmäßig überprüft, Kandidaten und auch Sourcer werden angeschrieben, etc. Ich wünsche mir hier eine etwas professionellere Vorgehensweise von Xing, vielleicht sollten die mal ein Barcamp MIT Recruitern veranstalten!

    Bei Xing bleiben uns nur die von dir beschriebenen Vorgehensweisen, selbt wenn man den Xing Talentmanager im Einsatz hat. Größtenteils verlässt man sich auf eine Mischung aus Bauch-, Fingerspitzengefühl und Gesetz der großen Zahl kombiniert mit einem guten Anschreiben und – jetzt halt dich fest – mit einem sympathischen Foto… 🙂 Hier habe ich (https://www.xing.com/profile/Anika_Zeimke) zumindest sehr positive Erfahrungen gemacht und daher hätte mich das Foto von Benjamin Fleige jetzt nicht unbedingt abgeschreckt sondern eher neugierig! 🙂

    Jecke Grüße

    Anika

    • Moin Anika,

      dass Du mit Deinem Foto offen für das Foto von Ben bist, ist klar 🙂 Aber genauso muss das auch sein. Ja, die meisten XING Nutzer sind halt nicht XING. Für die Mitglieder ist es ein Business Netzwerk – und keine Jobbörse. Und da es auch noch ein recht inaktives Business Netzwerk ist (was an den Nutzern liegt), beschäftigen sich die wenigsten mit den Möglichkeiten, die XING bietet. Es lebt sich ja auch ohne sehr gut 🙂
      Lieben Gruß,
      Henrik

  6. Marc Mertens sagt:

    Hallo Henrik,

    entweder hast du jetzt extra den Namen am Bild bei deinem Upload ins WP-Media-Archiv beibehalten, aber zumindest so war es die schnellste Variante ihn zu entdecken.

    Toller Artikel übrigens, bei dem ich in ganz vielen Teilen mitgehe und mein (früheres) Recruiting genau so lebe. Dabei miene ich das auch so, denn Personalgewinnung hat unglaublich viel mit Empathie, Neugier und Ausdauer zu tun. Denn nicht nur alle Kompetenzfelder sind bei den Menschen/Mitarbeitern (m/w) bunt verteilt, sondern auch Potenzial und Ausprägung sind immer individuell. So wie wir Menschen nunmal sind!

    Wünsche dir weiterhin alles Gute für 2016 und bis neulich,
    Marc Mertens

    • Moin Marc,

      ich wollte doch mal testen, ob das Offensichtliche auch erkannt wird 🙂 Und ansonsten ist die Bildersuche ja die nächst einfache Variante.
      Danke für Deine Bestätigung meiner Einschätzung und auch Dir weiterhin alles Gute!
      Herzlicihen Gruß,
      Henrik

  7. Ben Fleige sagt:

    Hallo Henrik,

    ein wirklich gelungener Artikel! So viele Visits hatte ich schon lange nicht mehr

    Letztlich triffst Du den Nagel aber auf den Kopf, denn die meisten anderen hätten mein Xing Profil wahrscheinlich durchfallen lassen.

    Bleibt zu hoffen, dass Dein Credo nachhallt und es in Zukunft auch anderen Leuten mit ähnlich schrägen Profilbildern ähnlich positiv ergehen wird wie mir!

    Keep up the good work,

    Ben

  8. […] Quelle: Sourcing in der Praxis: „Bild“ Dir keine Meinung! – hzaborowski – hzaborowsk… […]

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