In den letzten Monaten ist es in Politik und Wirtschaft wieder in Mode gekommen, den Arbeitnehmer:innen mangelnde Leistungsbereitschaft vorzuwerfen. Sie würden nicht genug und nicht effizient genug arbeiten und die Arbeitsmoral sei ja sowieso am Boden. Und mit diesen faulen Arbeitnehmer:innen könne Deutschland, könne die Wirtschaft nicht wieder nach vorne kommen. Die faulen Deutschen wollen halt einfach nicht mehr. Und das müsse sich jetzt ändern, sonst drohen harte Einschnitte in den Sozialstaat. Also, endlich wieder mehr arbeiten, dann wird alles gut. Mensch, dass da niemand vorher drauf gekommen ist? Aber, ist es wirklich so einfach? Und ist die Analyse überhaupt richtig?

 

Die faulen Deutschen – und der Populismus

Ich bin sehr froh, dass Guido Zander, Experte für Arbeitszeit und Workforce Management, sich in seinem neuen Buch „Die faulen Deutschen? (Schein-)Debatten und Lösungen für eine zukunftsfähige Arbeitswelt“ sich genau diesen Themas angenommen – und die ganzen Diskussionen mit Fakten entzaubert hat. Dafür räumt er erst mal mit Zahlen und Studien die gängigsten Meinungen vom Tisch. Vom angeblich nicht existierenden Fachkräftemangel über den Irrtum, dass wir Deutschen früher viel mehr gearbeitet hätten, die scheinbar offensichtliche Lösung, jetzt doch wieder mehr zu arbeiten bis zur These, dass das Bürgergeld zu hoch sei und die Menschen sich deswegen in die soziale Hängematte legen würden.  Ergänzt wird seine Suche nach objektiver Wahrheit (anhand von Zahlen & Daten und nicht dem Bauchgefühl) durch einen „Populismusfaktor“, der nochmal deutlich macht, wie schädlich die jeweilige Thesen für das Gefühl der sozialen (Un-)Gerechtigkeit und zur Lösungsfindung ist.

Ich will die Ergebnisse nicht vorgreifen, aber so viel lässt sich schon mal sagen: Die meisten Thesen sind sehr populistisch – und haben keinen oder nur einen nur geringen Wahrheitsgehalt! Das hatte er auch schon im Juli 2025 bei mir im Podcast „Die faulen Deutschen? Ein paar Fakten zu Leistung und Arbeitszeit“ deutlich gemacht. Wie Zander darauf kommt, erklärt er ausführlich und transparent und für jede/n nachvollziehbar. Sprich: Mitdenken ist erlaubt und gewünscht, wird aber sehr wahrscheinlich zum gleichen Ergebnis führen.

Echte Lösungsansätze für Politik und Wirtschaft

Spannend wird es daher im weiteren Verlauf des Buches, wenn Zander sich an besseren Lösungsansätzen versucht. Dabei unterscheidet er einmal in betriebswirtschaftliche Lösungsansätze. Also, was Unternehmen als Arbeitgeber tun können, um das Leistungsniveau auf das benötigte Level zu heben bzw. Leistungshemmnisse abzubauen. Und in politische Lösungsansätze, also gesetztliche Rahmenbedingungen, die dazu führen können, dass die Deutschen wieder mehr Output erreichen. Wenig überraschend finden sich da sehr einfache Lösungsvorschläge und welche, die ein wenig mehr Hirnschmalz benötigen. Ein kleiner low brainer, der mich dann aber doch in seiner Wirkung überrascht hat: Von den 7,0 Millionen Frauen in Teilzeitbeschäftigung würden ca. 15% gerne mehr arbeiten, können das aber nicht, u.a. wegen der schlechten Kinderbetreuung. Diese 15% sind 1,2 Millionen Frauen. Wenn diese fünf Stunden pro Woche mehr arbeiten würden, wären das fast sechs Millionen zusätztliche Arbeitsstunden pro Woche, was ca. 150.000 Vollzeitarbeitsplätzen entspricht. Der Staat könnte damit rund 1,1 Miiliarden Euro mehr Steuern einnehmen, wovon er wiederum ca. 20.000 zusätzliche Erzieher:innen einstellen könnte. Der Ausbau der Kinderbetreuung kostet den Staat also nicht nur Geld – er bringt auch Geld ein. Es liegt auf der Hand – aber ist in der ganzen Diskussion irgendwie kein Thema.

Auch Unternehmen können einiges tun, um den Output ihrer Mitarbeiter:innen zu verbessern. Nämlich durch klügere Schichtpläne, zum Teil sogar weniger (!) Arbeitsstunden (die dafür sorgen, dass die Krankenquote sinkt), eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten und natürlich noch mehr kluge Automatisierung. Und nein, die 4-Tage-Woche ist nicht DIE Lösung aller unserer Probleme ;-).

Wir und der Wettbewerb

Sehr wichtig ist auch die Einordnung, dass die Zeit, in der die deutsche Industrie durch ihre hohe Produktivität und sehr gute Qualität die höheren Kosten ihrer Produkte wieder ausgleichen konnte, vorbei sind. Nicht nur, weil die deutsche Industrie seit langem keine signifikante Produktivitätssteigerung mehr erreichen konnte – sondern auch, weil die internationale Konkurrenz schlicht selber besser geworden ist und inzwischen zu einem günstigeren Preis eine Qualität anbieten kann, die vielen Kunden völlig ausreicht. Unsere Wirtschaft hat sich schlicht und ergreifend zu lange auf ihrem Erfolg ausgeruht. Das hat mit den Mitarbeiter:innen erstmal wenig zu tun, es ist vor allem ein Versäumnis des Top-Managements. Aber darüber wird irgendwie auch nicht gesprochen, oder?

Die faulen Deutschen – ein „must read“ für Politik & Wirtschaft

Mein Fazit: Dieses Buch sollten alle lesen, die sich in Politik und Wirtschaft damit beschäftigen müssen/wollen/sollen, unsere Wirtschaft wieder in Gang zu bekommen. Die einfache Antwort „einfach mehr arbeiten“ ist vor allem populistisch und von der Wahrheit so weit entfernt wie Friedrich Merz vom ersten Platz in der Beliebheitskala. Dieses Buch liefert Impulse und Lösungsvorschläge, wie es anders gehen kann. Die schmecken sicherlich nicht jedem. Aber niemand hat behauptet, dass die Wahrheit immer gut schmeckt, oder?

 

Zum Schluss eine kleine Bitte: Wenn Du das Buch bestellst, dann am liebsten über Deinen lokalen Buchhandel, Thalia oder direkt bei Haufe 😉

Herzlichen Gruß und viel Spaß beim Lesen,

Henrik

 

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