Die Luft wird dünner. Das spüren wir alle. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die dringend transformieren müssen, um im globalen Wettbewerb zu bestehen. Auf der anderen Seite stehen Mitarbeitende, die Angst um ihre Existenz haben und sich in einem immer starreren System gefühlt fühlen.
In meiner neuesten Podcastfolge (link siehe unten) habe ich mit dem Transformationsexperten Birger Meier genau diesen Schmerzpunkt untersucht. Unsere These: Es geht nicht darum, den Arbeitnehmerschutz abzuschaffen oder Unternehmen schutzlos dem Markt auszuliefern. Es geht darum, unseren veralteten Gesellschaftsvertrag ehrlich neu zu verhandeln.
Faire Restrukturierung in a nutshell
🤖 Das Wichtigste in Kürze (Key Takeaways)
- Das Hauptproblem: Starres Arbeitsrecht und hohe Abfindungskosten blockieren oft notwendige Transformationen, während gleichzeitig neues Kapital für Innovationen fehlt.
- Die erfolgreiche Strategie: Radikale Transparenz und direkte Kommunikation durch die Führungsebene („Auf Augenhöhe“) statt versteckter HR-Prozesse.
- Der neue Leistungsbegriff: Unternehmen müssen „Core Performer“ (zuverlässige Stabilisatoren) stärker wertschätzen als nur laute „High Performer“.
- Die politische Forderung: Ein modernisierter Gesellschaftsvertrag, der Flexibilität für Unternehmen mit sozialem Schutz für Arbeitnehmer:innen verbindet, statt am Status quo festzuhalten.
Warum scheitern viele Unternehmen an der Transformation?
Viele Geschäftsführer:innen stecken in einer klassischen Zwickmühle. Wie mir ein Unternehmer kürzlich sagte: „Ich kann niemanden kündigen, ohne sofort eine Klage am Hals zu haben. Das kostet mich Geld, das mir dann fehlt, um neue Leute für neue Geschäftsmodelle einzustellen.“
Das Ergebnis ist oft eine gefährliche Lähmung. Große Konzerne geben Milliarden für Abfindungsprogramme aus, während das eigentliche Transformationsbudget fehlt. Gleichzeitig sitzen qualifizierte Menschen auf der Straße, deren Ersparnisse schwinden, und fragen sich verzweifelt: „Wie kann das sein?“
Birger Meier bringt es im Podcast auf den Punkt: „Wir verwalten den Ist-Zustand.“ Wir klammern uns an Modelle, die gestern funktioniert haben, und scheuen den schmerzhaften, aber notwendigen Schritt in die Zukunft. Ohne eine klare Geschäftsstrategie und die Bereitschaft, alte Strukturen aufzulösen, ist der Ruin vorprogrammiert.
Wie gelingt eine faire Restrukturierung ohne sozialen Kahlschlag?
Aber geht es auch anders? Ja. Birger schilderte mir ein konkretes Beispiel aus dem IT-Mittelstand. Ein Unternehmen verlor massiv Kunden, die Personalkosten blieben jedoch gleich. Die Lösung war nicht das verdeckte Spiel über Anwälte, sondern radikale Transparenz.
Die entscheidenden Erfolgsfaktoren für diese faire Transformation waren:
- Keine Ausnahmen: Opfer mussten konsequent von oben nach unten gebracht werden, nicht umgekehrt. Das Management ging mit gutem Beispiel voran.
- Kommunikation auf Augenhöhe: Das Management hat sich nicht hinter der HR-Abteilung versteckt. Es wurden Dutzende Einzelgespräche geführt, um jedem Betroffenen die wirtschaftliche Realität ehrlich zu erklären.
- Soziale Verantwortung: Es gab einen festen Budgettopf für Abfindungen und Härtefälle, der gemeinsam mit dem Betriebsrat fair verteilt wurde – nach klaren, nachvollziehbaren Kriterien (Sozialauswahl).
Das Fazit von Birger: „Ich baue nicht 100 Leute ab, um den Laden dichtzumachen, sondern um 500 Jobs zu sichern. Diese Transparenz ist entscheidend, damit die Verbleibenden dem Unternehmen weiter vertrauen.“ Nur wenn die Belegschaft versteht, warum der Schritt notwendig ist, kann sie den Wandel mittragen.
Welche Änderungen braucht das deutsche Arbeitsrecht für die Zukunft?
Ein weiterer Punkt, der mich im Gespräch zum Nachdenken brachte, ist unser verzerrtes Leistungsverständnis und die rechtlichen Rahmenbedingungen. Wir feiern oft die lauten „High Performer“ und Manager mit den höchsten Boni, während wir die „Core Performer“ übersehen.
Definition: Core Performer Mitarbeitende, die nicht unbedingt laut im Vordergrund stehen oder Karriere um jeden Preis machen, aber durch zuverlässige Leistung über Jahre das operative Geschäft stabil am Laufen halten. Sie sind das Rückgrat jeder Organisation.
Unser aktuelles System belohnt oft das Scheitern von oben (hohe Abfindungen trotz Misserfolg) und bestraft den normalen Bürger, der einmal in die Arbeitslosigkeit rutscht, mit stigmatisierenden Hürden. Wie Birger sagte: „Im angloamerikanischen Raum klopft man dir auf die Schulter, wenn du gescheitert bist und es nochmal versuchst. In Deutschland bleibst du am Boden liegen.“
Diese Kultur der Angst und des Misstrauens lähmt uns. Sie führt dazu, dass sich jeder nur noch um sich selbst kümmert, anstatt als Gemeinschaft Lösungen zu finden. Das deutsche Kündigungsschutzgesetz und das Betriebsverfassungsgesetz stammen aus einer anderen Zeit. Sie benötigen eine Novellierung, die mehr Flexibilität für individuelle Lösungen zwischen Arbeitgebern und Belegschaft erlaubt, ohne den grundlegenden Schutz aufzugeben.
Wie sieht ein neuer Gesellschaftsvertrag für die Arbeitswelt aus?
Die Welt von vor 20 Jahren ist vorbei. Die Idee, 30 Jahre beim selben Arbeitgeber in Vollzeit zu bleiben, ist eine Illusion. Globale Konkurrenz aus Asien und Afrika, demografischer Wandel und technologische Disruption (Stichwort KI) erfordern neue Antworten.
Birger und ich sind uns einig: Wir brauchen keine Rückkehr zu alten Zeiten, sondern den Mut zur Neuverhandlung auf allen Ebenen:
- Flexibilität statt Starrheit: Arbeitszeitgesetze müssen modernisiert werden, um mehr Spielraum für individuelle Modelle (z.B. Lebensarbeitszeitkonten, flexible Teilzeit) zu bieten.
- Wertschätzung neu definieren: Leistung darf nicht nur am BIP, Umsatz oder Bonus gemessen werden, sondern am tatsächlichen Beitrag zum Gemeinwohl und zur Stabilität des Unternehmens.
- Vertrauen statt Kontrolle: Wir müssen aufhören, jeden Einzelfall von Leistungsbeziehern zum Generalverdacht zu machen und das System für alle durch übermäßige Bürokratie zu verkomplizieren.
Fazit: Mut zur Entscheidung ist der erste Schritt
Transformation ist anstrengend. Sie erfordert Ehrlichkeit, Schmerz und den Willen, alte Gewohnheiten abzulegen. Aber wie Birger Meier so schön sagte: „Nichts zu entscheiden, ist für mich das Schlimmste.“
Wir haben die Wahl: Wir können weiter den Status Quo verwalten und darauf warten, dass externe Schocks uns zur Veränderung zwingen. Oder wir gestalten den Wandel aktiv – als Gemeinschaft von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Politik.
Hör dir die ganze, tiefgründige Diskussion im Podcast an. Es lohnt sich, wenn du verstehen willst, wie wir die Transformation menschlich und wirtschaftlich erfolgreich gestalten können.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur fairen Transformation
Ist das deutsche Kündigungsschutzgesetz ein Hindernis für Transformation? Es kann Prozesse verlangsamen und Kosten erhöhen, was Innovationen bremst. Gleichzeitig bietet es notwendigen Schutz vor willkürlichen Entlassungen. Die Lösung liegt nicht in der Abschaltung, sondern in einer Modernisierung hin zu mehr Flexibilität bei gleichzeitigem sozialen Ausgleich.
Was sind „Core Performer“ und warum sind sie wichtig? Core Performer sind zuverlässige Mitarbeitende, die das tägliche Geschäft stabil am Laufen halten. Im Gegensatz zu lautstarken „High Performern“ sorgen sie für Kontinuität. In Krisenzeiten ist ihre Rolle oft entscheidender für das Überleben des Unternehmens als kurzfristige Höchstleistungen.
Wie führt man eine Restrukturierung fair durch? Eine faire Restrukturierung erfordert radikale Transparenz, direkte Kommunikation durch die Führungskräfte (nicht nur durch HR) und klare, sozial gestaffelte Abfindungsmodelle, die gemeinsam mit dem Betriebsrat entwickelt wurden.
Brauchen wir flexiblere Arbeitsgesetze oder mehr Schutz? Beides. Wir brauchen flexible Rahmenbedingungen, die es Unternehmen ermöglichen, schnell auf Marktveränderungen zu reagieren, kombiniert mit einem starken sozialen Netz, das Arbeitnehmer bei Veränderungen auffängt und umschult, statt sie ins Leere laufen zu lassen.
Was ist deine Meinung? Brauchen wir flexiblere Arbeitsgesetze oder mehr Schutz? Und wie erlebst du die Leistungskultur in deinem Unternehmen? Lass uns gerne in den Kommentaren diskutieren.
Du musst eine unternehmenskritische Position besetzen oder brauchst eignungsdiagnostische Unterstützung bei der Personalauswahl? Dann melde Dich sehr gerne bei mir oder buch direkt einen Termin.

