Top-Performer:innen auf Jobsuche bewerben sich nicht – sie wollen angesprochen werden. Dieser Satz geistert seit Jahrzehnten durch die HR Szene und wird vor allem gerne von Personalberater:innen auf der Suche nach neuen Aufträgen verwendet. Verbunden mit dem Hinweis: Deswegen müssen sie aktiv angesprochen werden – natürlich dann durch die jeweilige Personalberatung ;-). Allerdings ist dieser Spruch vor allem eins: pauschaler Blödsinn.

Top-Performer:innen in der Krise

Ich gebe zu, in Zeiten einer immer komplexer werdenden Welt stehen einfache Antworten hoch im Kurs. Sie geben uns Orientierung, vermittelt (scheinbare) Wahrheiten, auf die wir uns (vermeintlich) verlassen können. Aber einfache Antworten können schon per Definition in einer komplexen Welt nicht richtig sein. Richtig sind immer nur differenzierte Antworten. Sorry to say. Da hilft vor allem ein Blick ins echte Leben.

Und der offenbart gerade eine massive Krise am Arbeitsmarkt, die auch vor Top Performer:innen nicht halt macht. Denn in einem kriselnden Unternehmen ist völlig egal, wie gut jemand ist. Wenn Kosten gespart werden oder ganze Abteilungen mangels Aufträgen dicht gemacht werden müssen, dann trifft es alle: Auch die Top Performer:innen. Bei meinem kleinen Ausflug in den CV Check bei den VDI Recruiting Tagen inklusive eines Vortrags durfte ich mit einigen von ihnen sprechen. Viele davon 10-20 Jahre im Unternehmen (Schwerpunkt Automobilindustrie), stetige, positive Karriereentwicklung, Führungs- & Budgetverantwortung oder absolute Spezialist:innen in ihrem Bereich. Tolle Projekte für erfolgreiche Automarken, Qualitität gesteigert, Kosten gesenkt etc. Sie waren alle da. Und schauten mich ratlos an, wie es denn nun weitergehen solle mit ihnen.

Top-Performer:innen gibt es immer

Aber auch ohne Krise am Arbeitsmarkt gibt es immer Top-Performer:innen auf Jobsuche, weil sie sich aus unterschiedlichsten Gründen beruflich verändern wollen. Weil

  • es keine Lernkurve im aktuellen Job mehr gibt
  • der aktuelle Arbeitgeber keine passende Perspektive bieten kann
  • eine Sinnkrise den Wunsch nach etwas Neuem auslöst
  • die private Situation auch eine berufliche Veränderung erfordert
  • jemand einfach Lust auf was Neues hat

Diese Menschen bewerben sich dann halt ganz normal auf Stellenanzeigen. So, wie alle anderen (die Low Performer:innen und die Arbeitslosen und der Durchschnitt) es auch tun. Natürlich nutzen sie auch ihr sehr gutes Netzwerk. Aber hey, wenn ein Unternehmen die perfekte Stelle für so eine:n Top Performer:in ausgeschrieben hat, dann wäre es ja dumm, sich nicht zu bewerben, oder? Genau!

Die Diskrepanz von Wunsch & Realität

Das größte Problem von Top Performer:innen auf Jobsuche ist, dass sie von sich auf andere schließen. Sie bewerben sich auch gerne mal auf Jobs, die sie noch nicht gemacht haben oder in Branchen, in denen sie noch nicht gearbeitet haben. Einfach, weil sie sich das zutrauen und ja auch mal wirklich was Neues machen möchten. Und weil sie den Job sehr wahrscheinlich auch wirklich können. Das sehen Arbeitgeber in Form der HR & Fachabteilungen in der Regel aber anders. „Die kennt unsere (so spezielle) Branche gar nicht, was will die hier?“ oder „Wir ticken hier ganz anders als Unternehmen X, der passt hier nicht rein!“ oder „Warum bewirbt sie sich denn auf diesen Job? Der passt doch gar nicht in ihren bisherigen Werdegang!“ sind dann nur drei von vielen möglichen Reaktionen auf Arbeitgeberseite.

Tja, liebe Top Performer:innen, da habt ihr die Rechnung leider ohne die Arbeitgeber gemacht 🙁 In der deutschen Personalauswahl zählt nach wie vor die berufliche Herkunft, der Stallgeruch und die Linearität der Karriereentwicklung. Da passen vermeintlich exotische Bewerbungen nicht rein. Dass viele Unternehmen leider zu wenig Ahnung von Recruiting und Personalauswahl haben – und wie es besser gehen könnte – habe ich ausführlicher in meinen beiden Büchern thematisiert. 

Und dann kommt ja noch der Todesstoß-Gedanke: „Wenn das wirklich ein/e Top-Performer:in wäre, dann würde er/sie sich ja nicht bewerben! Denn … Top-Performer:innen wollen angesprochen werden!“ 😉

Was sind Deine Erfahrungen mit dem Thema? Hast Du schon mal jemanden eingestellt, die/der auf den ersten Blick überhaupt nicht passte, aber in der Vergangenheit eine tolle Karriere hingelegt hatte? Oder gehörst Du gerade selber zu den Top-Performer:innen und struggelst mit dem aktuellen Arbeitsmarkt? Ich freue mich auf Deine Erfahrungen.

Herzlichen Gruß,

Henrik

Das Bild wurde mit der europäischen KI Flux erstellt, gehostet vom Schweizer IT Dienstleister Infomaniak.

 

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