Können wir von der CDU etwas über Personalauswahl lernen? Absolut und sogar sehr viel. Wenn auch eher als Negativbeispiel, aber immerhin. Tatsächlich hatte ich schon seit dem Bundestagswahlkampf 2024 den Gedanken zu dieser kleinen Reihe. Inzwischen ist die CDU zusammen mit der SPD seit fast einem Jahr in der Regierung und wir alle können mehr oder weniger hautnah verfolgen, wohin schlechte Personalentscheidungen führen. Dabei sind die Fehler so klassisch und weit verbreitet, dass jede/r etwas für sich mitnehmen kann. In diesem ersten Teil geht es um den Fehler, ohne Planung aber dafür mit Gefühlen, eine wesentliche Personalentscheidung zu treffen. Das ist immer eine schlechte Entscheidung. Also, fangen wir an 🙂
Um es gleich richtig einzuordnen: Ich bin kein intimer Kenner der CDU und ihrer inneren Entscheidungszirkel. Ich habe mein halbes Leben lang die CDU gewählt und war überzeugter Konservativer. Inzwischen bin ich das nicht mehr. Denn meine Beobachtungen von außen, als einfacher Bürger, haben mich nachdenklich gemacht. Unter der Führung von Merz, Spahn, Frei, Dobrindt, Söder, Linnemann und noch einigen anderen hat sich die CxU von Fakten, Wissenschaft und der Anerkennung von Komplexität verabschiedet. Es herrschen vor allem Glauben und Ideologie. Was sich auch an der Kanzlerkandidatenentscheidung zeigt.
Denn Friedrich Merz hätte unter normalen Bedinungungen niemals Kanzlerkandidat werden können. Dass er für den Job nicht geeignet ist, war offensichtlich – und wird immer offensichtlicher. Das sehen ja auch viele in seiner eigenen Partei so. Und das bringt uns gleich zu einem ganz wichtigen Punkt, den jede Führungskraft berücksichtigen sollte: Treffe niemals eine Personalentscheidung
- ohne echte Alternativen und deren Prüfung
- aus dem Wunsch heraus, das Thema vom Tisch zu bekommen (egal wie)
- getrieben von Gefühlen und eigenem Wunschdenken
- getrieben von persönlichen Interessen und Machtansprüchen
- ohne Berücksichtigung des Umfelds und der Gesamtlage
- ohne Berücksichtigung der zukünftigen Konsequenzen
Aber genau das hat die CDU gemacht, als sie Friedrich Merz zum Parteivorsitzenden – und damit auch zum 99,99%ig sicheren Kanzlerkandidaten – wählte. Wie konnte das sein?
Personalauswahl aus der Hüfte – mit Gefühl und Ignoranz
Die CxU war vor der letzten Bundestagswahl in der Opposition. Kein schönes Gefühl für eine Partei, die sich als geborene Regierungspartei versteht. Da wollte man raus, ganz klar. Potentielle Parteivorsitzende und damit künftige Kanzlerkandidaten (gendern brauchen wir hier nicht) gab es aus meiner Sicht mit Daniel Günther und Hendrik Wüst. Und es gab Friedrich Merz, der unter Merkel zweimal mit seinem Versuch, Parteivorsitzender zu werden, scheiterte. Zu Recht, wie wir heute sehen können.
Ob Wüst und Günther überhaupt zur Verfügung standen, weiß ich nicht. Vielleicht war nur Merz über? Aber ist das ein Argument? Nein! Was hätte die Partei machen müssen? Eine sorgfältige Anforderungsanalyse, die u. a. folgende Aspekte berücksichtigt:
- Das politische Umfeld war zersplittert, die Regierungsparteien kämpften miteinander um Konsens, der mit FDP, Grünen und SPD kaum herzustellen war.
- Die AfD wurde immer stärker und trieb die anderen Parteien und Medien nicht mit Lösungen, sondern mit Fake News vor sich her
- Die CDU hatte starke Umfragewerte und war quasi schon sicher in der neuen Regierung. Die Frage war nur, mit wieviel Prozent – und mit wem noch?
Erschwerend für alle Parteien kam hinzu, dass Deutschland mit einer schwächelnden Wirtschaft, einer dringend notwendigen Energiewände / Klimapolitik, maroden Sozialsystemen und einer kaputten Infrastruktur vor massiven Problemen stand, für die es keine einfachen Lösungen gab. Erst Recht keine Lösungen, die nicht irgendjemanden etwas gekostet hätten. Es mussten und müssen Lösungen her, die der Komplexität und Vielfalt der Probleme gerecht werden. Dass die CxU das damals schon nicht verstand, zeigte sie selber plakativ mit ihrem Slogan „Einfach mal machen“ (gibt es Herrn Linnemann eigentlich noch? Man hört gar nichts mehr von ihm).
Rein wissenschaftlich betrachtet war schon immer klar, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Was brauchte es also? Eine tiefe Analyse der Probleme in Zusammenarbeit mit Expert:innen aller Disziplinen und Fachrichtungen, um kompromissfähige Lösungen zu erarbeiten und diese dann der Bevölkerung und den betroffenen Akteuren schmackhaft zu machen.
Welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Erfahrungen hätte also ein Kanzlerkandidat gebraucht?
- Den Willen und die Fähigkeit, komplexe Probleme von allen Seiten zu betrachten, sich beraten zu lassen und daraus Lösungsansätze zu entwickeln
- Den Willen, die Fähigkeit und vielleicht auch schon die praktische Erfahrung, unterschiedlicher Meinungen und Ansätze zusammen zu bringen
- Die Fähigkeit, mit anderen Gruppierungen / Parteien Konsens zu finden und Mehrheiten zu bilden
- Das Verständnis, dass Demokratie immer Kompromisse erfordert und nie ein Durchmarsch einer Meinung sein kann.
- Die Fähigkeit, die breite Bevölkerung auf die Umsetzung der Konsequenzen mitzunehmen
Nach dieser Analyse wäre klar gewesen, dass Friedrich Merz als Kanzlerkandidat definitiv nicht geeignet war. Denn seine in der Opposition und im Wahlkampf genannten Lösungen waren schon immer unterkomplex. Und dass er kein Interesse an der Berücksichtigung von „Randgruppen“ hat, hat er auch immer wieder gezeigt. (Wie geradezu besessen vor allem Söder, aber auch immer mal wieder Merz, auf die Grünen einschlug und die „linksgrünversifften Spinner“ verbal einschlug, war schon irre.)
Vielleicht (ich weiß es nicht), war Merz ein guter Parteivorsitzender, der die Reihen innerhalb der CxU schließen konnte. Aber wie wir bei seiner ersten gescheiterten Wahl zum Kanzler, der gescheiterten Abstimmung zur Wahl von Frau Brosius-Gersdorf zur Richterin am Bundesverfassungsgericht und dem aktuellen heftig schwelenden Konflikt mit den „Jungen Wilden“ der CDU beim Rentenpaket sieht, scheint er auch als Parteivorsitzender seinen Laden nicht im Griff zu haben. Ok, das wäre eigentlich der Job von Jens Spahn, aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema.
Und trotzdem wird es Merz
Diese Schwächen von Merz wurden schon weit vor dem Bundestagswahlkampf, aber dort dann erst Recht, für jede/n sichtbar, der hinschauen wollte. Trotzdem wurde Merz gewählt. Warum? Weil offensichtlich eine Mehrheit der CDU glaubte, dass ein „starker Mann“ mit markigen Sprüchen komplexe Probleme löst. Und vielleicht war es die Sehnsucht nach alter Stärke und des harten Durchregierens, nachdem Angela Merkel ja vermeintlich Sozialpolitik gemacht hat. Vielleicht fühlten viele Parteimitglieder aber auch nur, dass ein „zurück in die 90ziger Jahre“, ein zurück in die Konzepte der „guten alten Zeit“ die richtige Antwort auf die Krise der gesellschaftlichen Sozialysteme, der Wirtschaft und der Klimapolitik ist. Und Gefühle sind mächtig, wie wir seit Star Wars wissen.
Es waren also vor allem Gefühle, Ignoranz und Wunschdenken, die Friedrich Merz an die Spitze gebracht hat. Und damit den Mann, der am wenigsten geeignet war.
Personalauswahl aus der Hüfte – und die Moral?
Was lernen wir daraus? Jede Führungskraft, jedes Management muss sich ehrlich den realen Herausforderungen seiner Zeit stellen. Die Realität, die Fakten analysieren. Und daraus ein Anforderungsprofil erstellen, wen und was es für die anstehenden Herausforderungen der Position wirklich braucht. Aus der Hüfte geschossenene Vermutungen, Wunschdenken und ein Rückgriff auf „die gute alte Zeit“ reichen nicht, im Gegenteil. Wir müssen uns in der Personalauswahl also alle ehrlich machen und uns unseren Wünschen und Gefühlen stellen. Und die Fakten hochhalten. Erst Recht, wenn wir eine/n Heilbringer:in suchen, die/der das Ruder herumreißen und den Laden wieder in solide Fahrwasser bringen soll.
Personalauswahl kann also auch eine Art Zwangstherapie sein 😉 Kein Wunder, dass viele sich damit schwertun. Oder?
Ich freue mich über Ergänzungen, gerne auch Widerrede und einen Austausch zu meinen Gedanken. Weitere Artikel zu dem Thema werden folgen. Wenn Du nichts verpassen möchtest, abonniere gerne meinen Newsletter.
Herzlichen Gruß,
Henrik Zaborowski
Die oben aufgeführte Grafik kommt von Statista: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1614491/umfrage/zufriedenheit-mit-der-arbeit-von-bundeskanzler-merz/



Es wird hier ja immer peinlicher. Ideologie deluxe 🙂
Naja, die sichtbaren Fakten sprechen zwar deutlich dagegen, dass hier Ideologie am Werke ist. Aber das darf man natürlich auch anders sehen.