Ich erlaube mir heute, als „Mann der Praxis“ ein paar Gedanken zum Active Sourcing zu verlieren – keine so erfreulichen, um es vorweg zu nehmen. Es wird in den Medien, blog-Beiträgen etc. immer häufiger erwähnt und diskutiert. Das Magazin „Human Resources Manager“ hat es gerade wieder prominent aufgegriffen („Kennen wir uns schon?“). Dabei ist es doch schon ein paar Jahre alt. Ich selber betreibe Active Sourcing seit 2004. Trotzdem gibt es offensichtlich noch sehr viel Informationsbedarf und etliche Irrtümer. Der fatalste Irrtum ist aus meiner Erfahrung der, dass  die Chancen der individuellen Kommunikation mit der Mechanik der aussterbenden Industriegesellschaft vergewaltigt werden. Mit ungewollten Folgen, die die Hauptdarsteller der alten Arbeitswelt aber nicht sehen (wollen?).

Ich möchte in diesem Artikel die Praxis und die Folgen des aktuell vorrangig gelebten Active Sourcing Verständnis aufzeigen. Folgen, die auch sehr stark mit der Entwicklung der Personalvermittlungsbranche und den Altlasten zusammenhängen, die uns die „guten, alten Personalberater der 1970-2000 Jahre“ und deren Kunden hinterlassen haben. Aber das wird glaube ich ein Thema eines eigenes Artikels, sonst sprenge ich hier den Umfang. Aber trotzdem „Achtung“! Es wird grundsätzlich – und damit lang!

Active Sourcing – die Illusion der Einfachheit

Vielleicht erst einmal zuerst eine (der möglichen) Definitionen von Active Sourcing. Ich bediene mich da mal bei Wikipedia: „Active Sourcing steht für alle Maßnahmen der Identifizierung viel versprechender Mitarbeiter auf dem externen Arbeitsmarkt, bei denen das Unternehmen aktiv versucht, in persönlichen Kontakt mit potenziellen Bewerbern und Mitarbeitern zu treten und eine dauerhafte Beziehung zu den Bewerbern aufzubauen.“  Und ich ergänze: „ … in erster Linie über Social Media Kanäle und Netzwerke wie Xing, Linkedin und auch Online Bewerberdatenbank. Damit unterscheidet es sich von der aktiven Identifikation und Ansprache durch das Telefon, wie es aus der klassischen Personalberatung bekannt ist.“

Hier kommen wir schon zu einem kritischen Punkt. Denn Active Sourcing in den sozialen Netzwerken kann jeder! Damit haben wir ein Qualitätsproblem. Beim telefonischen Ident der „alten“ Researcher gibt es bei Anfängern sehr oft schweißige Hände, Stottern, Panikattacken. Und Kreativität und Flexibilität sind gefragt, um überhaupt den/die Richtigen zu finden bzw. „durchzukommen“. Und jeder Researcher hat schon den Moment erlebt, „erwischt“ zu werden. Im Zweifel kann man einfach auflegen, kein Problem. Aber ein wenig schmerzhaft (für das eigene Selbstwertgefühl) ist es doch. Die Hürden sind also durchaus da und das Training aufwändig. Anders beim Active Sourcing. Als Sourcer brauche ich nur ein paar Stichworte, z. B. in Xing, einzugeben – und zack, habe ich ohne Schmerzen eine Auswahl potentieller „Kandidaten“. Ich kann das natürlich auch professioneller machen, muss ich aber nicht. Es geht auch so. Und dann kann ich schreiben was und an wen ich will – es tut alles nicht weh. Naja, dem Sourcer zumindest nicht. Den armen Adressaten sehr häufig dagegen schon. Ich bin immer wieder überrascht, dass sich von mir ganz normal angeschriebene Netzwerkmitglieder für die individuelle Ansprache bedanken. Scheint dann wohl doch nicht so normal zu sein. Zwei Beispiele dazu habe ich mal rausgesucht, natürlich anonymisiert.

4. Active Sourcing Xing Ausschnitt

4. Active Sourcing Xing Ausschnitt 2

Active Sourcing als Schwarzes Loch

Eine Tücke des Active Sourcings: Abgesehen davon, dass viele potentielle „Kandidaten“ gar nicht wirklich in den Sozialen Netzwerken zu finden sind, nutzen wiederum viele die Netzwerke nicht aktiv, obwohl sie dort mit einem Profil präsent sind. Deshalb bekomme ich durchaus auch erst nach Wochen Antworten auf meine Anfragen, weil sie vorher gar nicht gelesen werden. Viele emails werden vom Empfänger nach Wochen auch einfach gelöscht. Die Quote und Gründe werde ich als Sourcer nie erfahren. Es ist immer schwierig im Recruiting, wenn ich kein Feedback auf meine Aktionen erhalte. Dann weiß ich nämlich nicht, woran es liegt (das Problem habe ich bei der guten alten „Telefonmethode“ nicht).

Ein sehr kritischer Punkt ist aber auch, dass viele „Kandidaten“ die emails zwar bekommen, auch wahrnehmen, aber gar nicht mehr lesen. Weil ihre Erfahrung sie gelehrt hat, dass die meisten unpassenden Schrott enthalten. Gerade in der IT- & Managementberatungsbranche, bei den begehrten SAP Beratern, SW Entwicklern und anderen medienaffinen Berufsgruppen ist der Frust groß. Zum Schaden aller! Denn vielleicht ist in einer der zwanzig emails ja dann doch mal ein interessanter Job dabei? Der Sourcer verliert sowieso. Er findet nicht, obwohl er doch soooo viele Ansprachen durchgeführt hat. Naja, beruhigend sein gesagt: Irgendwas/wer bleibt immer hängen.

Active Sourcing – falsches Prozessdenken in einer individualisierten Welt

Wie konnte es eigentlich zu diesem Dilemma kommen? Den einen Punkt, die Einfachheit der Bedienung, habe ich schon erläutert. Wer „einfach machen kann“, der „macht auch einfach“. Auch wenn ein wenig mehr dazu gehört. Ein zweiter Grund ist die Notwendigkeit der Betreiber, mit ihren Netzwerken Geld zu verdienen. Die Recruitermitgliedschaft bei Xing (bzw. bald nur noch der Talent Manager) ist z.B. eine große Einnahmequelle von Xing. Und dafür gebaut, Recruitern die massenhafte Ansprache von Netzwerkmitgliedern zu ermöglichen. Darauf bin ich bei Tante Emma schon eingegangen.

Was heißt das aber? Alles ist darauf ausgelegt, Prozesse zu optimieren. Mit weniger Aufwand, in kürzerer Zeit, mit weniger Mitarbeitern mehr Ansprache. Das ist aber nicht mehr die Lösung! Denn damit übernehmen wir das Lösungsschema der Industrie der sterbenden Arbeitswelt, nämlich Prozessoptimierung, in die neue, ganz andere, individuellere Arbeitswelt. Und die braucht andere Lösungen! Wie kann ich so blöd sein, die Informationen, die ich jetzt mit einem einzigen Klick bekomme – nämlich den kompletten Werdegang eines Netzwerkmitglieds – nicht effektiv zu nutzen????!!! Ich fasse es nicht. Anstatt mir fünf Minuten Zeit zum Lesen zu nehmen, schreibe ich alle für einen SAP Beraterjob an, die irgendwo SAP stehen haben. Weil es schnell gehen muss, weil ich „Masse machen“ muss, weil ich keine Ahnung habe oder weil der Kunde wissen will, wieviele Ansprachen ich gemacht habe.

Jetzt könnte ich endlich individuell werden, gezielt auf mein Gegenüber eingehen –  und mache es nicht. Sondern opfere meine Gaben weiter den Göttern der alten Zeit, nämlich „Prozessoptimierung“ und „Standards“. Haha, erzählt mir einer was von Innovationen in den Sozialen Medien. Liebe Auftraggeber, liebe Dienstleister, liebe internen Recruiter: Vergesst es! Das Alte wird Euch um die Ohren fliegen! Und Ihr wundert Euch, warum sich keiner mehr zurückmeldet.

Active Sourcing – es geht immer nur ums Geld

Fast zum Schluss noch den dritten Grund und die Antwort auf die Frage, was die Personalberater und –vermittler mit dem Dilemma zu tun haben. Denn faktisch ist es ja vor allem diese Branche, die Active Sourcing betreibt. Die paar (vor allem Groß-)Unternehmen, die dafür eigene Abteilungen / Mitarbeiter haben, fallen kaum ins Gewicht.

Nun, viele Unternehmen haben in den goldenen Zeiten der Personalberatung (1970-2000) sehr viel Geld für wenig Leistung bezahlt. Nämlich oft ohne erfolgreiche Vermittlung. Das schwache Ergebnis hat viele Gründe, von denen viele bei den Kundenunternehmen selber liegen. Eine sehr gute Zusammenfassung dieser Gründe gibt es gerade im Artikel „Personalprobleme der Unternehmen sind hausgemacht“. Aber für die Kunden sind natürlich erst einmal die Berater die Schuldigen. Teilweise auch zu Recht. Als nun in den Krisen nach 2001 die Gürtel enger geschnallt werden mussten und durch Online Medien Kandidaten auch ohne Personalberater (theoretisch) gut auffindbar wurden, wuchs der Frust auf die teuren Personalberater – und der Preisdruck. Und der Gedanke: Das ist doch jetzt so einfach mit den Sozialen Netzen, wofür bezahl ich dann noch soviel Geld?

Insbesondere englische Personaldienstleister witterten ihre Chance und kamen mit dem „100% erfolgsabhängigen“ Honorarmodell daher. (Ein Modell, das ich übrigens selber extrem erfolgreich als Personalberater betrieben habe! Aber immer auf hohem Niveau. Wer wissen möchte, wie das geht, einfach mal anrufen!) Außerdem tat der Zentralisierungstrend der Einkaufsabteilungen  ein Übriges. Der Druck auf die Honorare der Personalvermittler wuchs. Dieses neue, stark leistungsabhängige „Vermitteln“ funktioniert für den Dienstleister aber nur,  wenn er „Masse macht“. Schnelle, im Zweifel unsaubere Ansprache, und wenn ich nach zwei Wochen nicht erste Kandidaten habe, wird das Projekt „aufgegeben“. So versau ich mir den Markt der Arbeitnehmer und Kunden. Die Unternehmen als Auftraggeber tragen da eine erhebliche Mitschuld dran. Weil sie nicht bereit waren/sind, ihre Personalvermittler ordentlich und respektvoll zu behandeln und zu bezahlen. Ich habe, dem Internet sei Dank, einen recht alten Artikel von mir zu dem Thema wieder gefunden. „Von verhurten Objekten und anderen bösen Überraschungen“. Hat nichts an seiner Korrektheit und Aktualität verloren.

Jetzt zum Schluss möchte ich noch einen exzellenten Artikel zum Thema Active Sourcing von Marcus K. Reif empfehlen. Einfach, falls Sie sich näher mit dem Thema beschäftigen möchten – auf seriöse Art und Weise.

Und das war es von mir für den Moment. Sorry für die Länge, Danke fürs Ergänzen und Kommentieren.

Ihr Henrik Zaborowsk