Henrik ZaborowskiMythos Fachkräftemangel – was ist an ihm dran? Bisher war der Fachkräftemangel in aller Munde und beherrschte die Wirtschaftsnachrichten wie kaum etwas anderes. Bis, ja, bis sein „Gegenspieler“ die Bühne betrat: Der Mythos Fachkräftemangel. Ins Leben gerufen vom Unternehmer Martin Gaedt, ins Rampenlicht gerückt durch sein Buch „Mythos Fachkräftemangel“ und seit dem virtuos immer wieder diskutiert, ins Szene gesetzt und bespielt von Denkern und Bloggern, vor allem der HR Szene. Nur – was ist dran am Mythos? Und was ist dran am Buch? Um es vorweg zu nehmen: Es ist mehr als ein Buch über einen echten oder angeblichen Fachkräftemangel. Es ist ein Buch über unsere Gesellschaft, unsere Werte, gute und schlechte Unternehmer – und über Sie und mich. Kurz: Ein Thema und ein Buch, das jeden von uns angeht.

 

Mythos Fachkräftemangel – warum man sich über den Mangel nicht wundern darf

Beim Lesen des Buches habe ich mich immer wieder gefragt: Wer ist eigentlich dieser Martin Gaedt? Denn in und zwischen den Zeilen schimmert eine vielschichtige, umtriebige Persönlichkeit durch. Offensichtlich eine kreativer Geist, ein Macher, ein Querdenker und einer der Verantwortung übernimmt. Alle Beispiele in dem Buch kommen aus seinem persönlichen Erleben. Das macht das Buch stark, denn der Leser merkt gleich: Hier schreibt kein Journalist, der mal ein paar Tage recherchiert hat. Hier schreibt jemand, der alle Höhen und Tiefen des Unternehmerseins und des Recruitings kennt. Hier schreibt jemand, der weiß, wovon er schreibt. Und Martin Gaedt schlägt den großen Bogen. Von der Orientierungslosigkeit vieler Schüler, was sie denn mal werden wollen. Den unpassenden und eben auch viel zu blitzlichtartigen Jobvorschlägen der Agentur für Arbeit („Du bist gerne draußen? Dann werd’ doch Gärtner“). Der grundsätzlich eher ungeeigneten Struktur der Agentur für Arbeit, Arbeitslose in Jobs zu vermitteln. Der Gedankenlosigkeit der Arbeitgeber im Umgang mit Bewerbern (Eingangsbestätigung? Freundlicher Umgang? Wird doch völlig überbewertet. „Hau bloß ab! Wir brauchen dich hier nicht.“). Der Ahnungslosigkeit der Unternehmen darüber, dass sie für die meisten Bewerber schlicht und ergreifend unsichtbar sind. Weil sie außerhalb der eigenen Unternehmensmauern nirgendwo auftauchen. Der Unfähigkeit (oder dem Unwillen?) der Arbeitgeber, internationalen Fachkräfte wirklich das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Der Unfähigkeit der Politik, die grundsätzlichen Ursachen des Fachkräftemangels zu erkennen und anzugehen.

Und Martin Gaedt wundert sich. Über den Fachkräftemangel, der, würde es ihn so geben wie er beschrieben wird, unsere Krankenhäuser zusammenbrechen ließe. Mangels qualifizierter Ärzte und Pfleger. Aber wenn dem wirklich so wäre, warum bricht dann noch nichts zusammen? Und warum bewegt sich noch nichts, um das Schicksal zu wenden. Er wundert sich über den Fachkräftemangel, der bei Unternehmen wie Bosch, Siemens oder BMW nicht herrscht. Genauso wenig wie bei Hidden Champions, die nicht nur wirtschaftlich exzellent dastehen, sondern sich auch in ihrer Region gesellschaftlich engagieren. Und deswegen bekannt und damit ein potentieller Job-Magnet für die Menschen in der Region sind. Er wundert sich über die Statistiken, die den Fachkräftemangel befeuern. Und fragt sich, warum denen Glauben geschenkt wird? Denn wirklich fundiert sind ihre Grundlagen nicht. Und Martin Gaedt wundert sich, warum die meisten Unternehmen immer noch so Rekrutieren wie vor 20 Jahren? Wenn es doch angeblich so schwer geworden ist, gute Fachkräfte zu finden – warum ändern dann die Unternehmen nicht ihr Vorgehen? Was stimmt denn nun?

Martin Gaedt geht noch einen Schritt weiter. Er beschreibt die Folgen für ganze Regionen, inklusive Gesellschaft, Bildung und jeden Einzelnen in der Region, wenn Fachkräfte in die Metropolen abwandern weil, ja weil sie denken, in ihrer Region gäbe es keine Arbeitsplätze für sie. Weil die Unternehmen sich nicht zeigen. Und die Folgen sind fatal: Weniger Steuereinnahmen, gleich schlechtere Bildungsmöglichkeiten, schlechtere Sozialleistungen, schlechtere Infrastruktur, gleich immer unattraktivere Region, immer stärkere Abwanderung von Fachkräften und irgendwann auch von Unternehmen. Eine Endlosspirale.

 

Mythos Fachkräftemangel – vom Mangel zur Lösung

Dankenswerterweise sieht Martin Gaedt aber nicht nur die Probleme, er hat auch Lösungen parat. Lösungen, die die Arbeitgeber selber umsetzen können. Nämlich sich engagieren in ihrer Region und sichtbar werden. Und damit zeigen „Wir sind doch hier! Bei uns gibt es Jobs! Ihr müsst nicht in die Metropolen. Ihr müsst nicht zu den allseits bekannten Namen“. Und die Unternehmen können sich im Umgang mit den Bewerbern mehr Mühe geben. Positiv in Erinnerung bleiben, auch bei einer Absage. Einfach mal nicht kurzfristig nur an sich selbst denken, sondern z. B. gute Bewerber (die für einen selber gerade nicht passen) an andere Unternehmen in der Region weiterempfehlen. So bleibt die Fachkraft wenigstens in der Region – und ist vielleicht in fünf Jahren der/die Richtige für eine zu besetzende Position im eigenen Unternehmen. Und die Unternehmen können auf die Potentiale zurückgreifen, die sie bisher „links liegen lassen“. Ältere Arbeitnehmer, ausländische Bewerber, Alleinerziehende Eltern, Jugendliche ohne Schul- oder Berufsabschluss.

Insbesondere zu diesen „Gescheiterten“ schlägt Martin Gaedt eine Bücke. Zu denen, die sich schlecht in unser System, insbesondere das System Schule, einfügen können. Weil sie zu intelligent, zu dumm, zu kreativ, zu faul, zu unangepasst sind. Oder weil sie zu früh Verantwortung übernehmen, Geld verdienen mussten, die Geschwister erziehen etc. Und die deswegen einen schlechten Schulabschluss haben, oder keinen – und deswegen auch keine Ausbildung, keinen Job finden. Sind die denn alle unbrauchbar? Alle wirklich faul oder dumm? Nein, die Erfahrung zeigt: Jeder Mensch möchte arbeiten, möchte einen Beitrag leisten, jeder hat Fähigkeiten und Talente und möchte diese auch einsetzen. Manche brauchen aber halt etwas länger, um ihren Platz zu finden. Weil ihnen unsere Gesellschaft aber auch nicht dabei hilft. Weil wir „Etablieren“ keine Lust dazu haben und uns keine Zeit für sie nehmen. Warum auch? Mir geht es doch gut. Manche brauchen einfach einen Neustart, aber nach zwei Jahren „rumgammeln“ ist doch jeder als Faulpelz gebrandmarkt. Wer gibt so jemanden noch eine Chance? Aber halt, wir haben doch Fachkräftemangel! Könnten in dieser Masse von „Abservierten“ nicht ein paar Rohdiamanten stecken. Könnten nicht nur, sondern tun es. Was für ein Potential schlummert hier! Und ist die Ära des Fachkräftemangels nicht der Zeitpunkt, dieses Potential endlich zu heben? So sollte es sein.

Mythos Fachkräftemangel – was er über unsere Gesellschaft aussagt

Und jetzt kann Ihre Meinung zum Fachkräftemangel ausfallen, wie Sie wollen. Aber es gibt einen Punkt, an dem niemand Gaedt widersprechen kann. Wenn er darüber nachdenkt, welche gesellschaftliche Verantwortung wir, die „Etablierten“ (wie ich sie mal nennen möchte), also die erfolgreichen Unternehmer und Angestellten mit gesicherter Existenz, übernehmen müssten. Gaedt formuliert das nicht so wie ich jetzt. Er schreibt über Recruiting und darüber, wie und wo Unternehmen überall Rohdiamanten finden können. In dem sie Schülerpraktika anbieten, sich im Fussballverein engagieren, bei „Jugend forscht“, bei Bundesschülerwettbewerben, Mitarbeiter für Initiativen wie „Rock your Life“ oder „Joblinge“ unterstützen. Überall hier können Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen – und noch besser: Sie können auf ein Netzwerk von Menschen zugreifen, die z. B. junge Menschen im Sportverein schon seit Jahren kennen und beobachten. Und die wissen, der Junge, das Mädel, die können sich durchsetzen, oder sind sozial, oder sind Organisationstalente oder oder oder. Und sind das nicht die Informationen, die jeder Unternehmer haben will? (Zumindest angeblich werden ja immer soziale Fähigkeiten gesucht und keine fachliche. „Hahaha“, sage ich da nur.) Aber diese Informationen gibt es schon. Ich muss keine Schulnoten (die eh kaum Aussagekraft haben) über meine Onlinemaske abfragen und ein aufwändiges AC zur Prüfung der Sozialkompetenz durchführen. Ich muss einfach da sein, wo die Menschen schon die ganze Zeit sind. Oder die fragen, die sie seit Jahren kennen. All das geht. Natürlich nicht, wenn die Aufgabe der Personalbeschaffung bei der Sekretärin der Geschäftsführung liegt, die kurz vor Feierabend mal schnell noch die Stellenanzeige von vor 20 Jahren an die Zeitung schickt und dann hofft, dass sich ein paar Passende bewerben. Das geht auch nicht mit einem professionellen Recruiter. Aber wenn alle mitmachen, alle die Augen und Ohren offen halten, dann geht es.

Und wenn die Unternehmen das machen, dann tun sie nicht nur etwas gutes für ihr Recruiting, sondern auch für die Menschen, die einfach eine zweite Chance brauchen. Und für ihre Region. Und damit auch für ihre eigene Familie, ihre Mitarbeiter und deren Familien – und damich auch was für die eigene Zukunft. Von daher ist „Mythos Fachkräftemangel“ indirekt auch ein gesellschaftskritisches Buch. Was mich persönlich sehr freut. Denn mittlerweile ist die Ökonomie zur großen Religion in unsere modernen Welt geworden, wie Prof. Tomáš Sedlácek („Die Ökonomie von Gut und Böse“) es formuliert hat. Die Wertigkeiten haben sich auf den Kopf gestellt. Nicht mehr der Mensch steht an erster Stelle, sondern die Ökonomie. „Wir hatten die Wirtschaft erschaffen, weil sie uns Freiheit und Wohlstand ermöglicht. Aber inzwischen sind wir Sklaven der Ökonomie geworden.“

 

Mythos Fachkräftemangel – warum ich mir wünsche, es gäbe ihn wirklich

Ich muss zum Schluss kommen – und muss doch in meinem Fazit differenzieren. Zum Einen gebe ich Martin Gaedt in seiner Analyse vollkommen Recht. Und auch seine aufgezeigten Lösungsvorschläge und Optimierungsmöglichkeiten sind völlig richtig. Und genau wie er sehe ich den Fachkräftemangel nicht. Zumindest in meinen Recherchen und Telefonaten mit unterschiedlichsten Unternehmen stelle ich fest: Da ist noch keiner in Panik. Da wird im Großen und Ganzen weiter gemacht wie bisher. Entweder haben die alle keinen Bedarf oder sie finden noch genug passende Mitarbeiter. Einen Fachkräftemangel kann ich, außer in speziellen Berufszweigen, nicht feststellen.

Skeptisch bin ich hingegen bei der Umsetzung mancher Lösungsvorschläge, wie z. B. dem stärkeren Engagement in Vereinen etc. Das sind Investments, deren Erfolg zu 100% unsicher ist.  Als Unternehmer muss ich aus Überzeugung sagen, ich engagiere mich hier gesellschaftlich. Und gebe meinen Mitarbeiter ebenfalls die Möglichkeit. Wenn sich daraus ein Bewerber ergibt, der sogar Mitarbeiter wird – um so schöner. Aber erwarten kann und darf ich das nicht. Umgekehrt: Wenn ich gar nichts in der Richtung mache, liegen meine Chancen zu 100% bei Null. Skeptisch bin ich auch hinsichtlich der Bereitschaft der Unternehmen, in die „bisher Gescheiterten“ zu investieren. Das wird doch gerne auf den Staat, die Schule und soziale Einrichtungen abgeschoben. Funktioniert vielleicht/hoffentlich bald nicht mehr.

Von daher ist meine große Hoffnung, dass der Fachkräftemangel, zumindest gefühlt, wirklich existiert. Weil das die Chance für unsere Gesellschaft ist, wieder menschenfreundlicher zu werden. Weil Menschen eine zweite Chance bekommen, die bisher abgeschrieben waren. Das Motiv mag hier vielleicht reine Profitgier („ich brauche Mitarbeiter, sonst kann ich nicht wachsen“) sein. Aber was soll’s? Solange allen damit geholfen ist?! Oder? Und dann geben sich Unternehmen hoffentlich auch mehr Mühe in der Mitarbeiterführung – weil die Mitarbeiter sonst gehen. Aber das ist ein anderes Thema. Genauso wie die Fragestellung, wie ich alle meine Mitarbeiter und die Führungskräfte ins Recruiting einbinden kann. Das werden wir hoffentlich auf dem HR BarCamp in Berlin diskutieren. Denn die von Gaedt skizzierten Lösungsmöglichkeiten kann keine Recruitingabteilung der Welt umsetzen – da sind alle gefordert. Gut so! Oder was meinen Sie?

Herzlichen Gruß,

Ihr Henrik Zaborowski