War for Talents? Exoten in die Wirtschaft? Nein! Die “Geister” kommen gar nicht rein.

6. November 2013 | Von | Kategorie: Change HR, Gesellschaft, Recruiting

“Wir haben einen War for Talents” – “Uns geht es um Persönlichkeiten!” Als Leser meines blogs wissen Sie, dass ich bei diesen Aussagen von Management und HR mehr als skeptisch bin. Mir war bisher aber gar nicht bewusst, dass unsere Wirtschaftslenker so gut Goethe kennen! Dieser ließ seinen Zauberlehrling noch rufen “Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los”! Unsere Wirtschaft scheint dagegen offensichtlich fest entschlossen, diesen Fehler zu beherzigen – und die Geister(eswissenschaftler) gar nicht erst rein zu lassen. Zumindest drängt sich dieser subjektive Eindruck auf. (Übrigens: Der jüngeren Generation ist “Der Zauberlehrling” wahrscheinlich nur als Rap bekannt. Es ist aber eine Ballade – und noch dazu von Achim Reichel viel besser vertont! Aber das nur am Rande). Zurück zum Thema: Wie komme ich zu diesem Eindruck?

War for Talents – mal mit Einblick aus der Praxis

Vor ein paar Tagen hatte mich eine junge Absolventin der Germanistik, Politikwissenschaft sowie Kommunikations- und Medienwissenschaft auf Xing wiedergefunden und kontaktiert und ich fragte, wie es ihr so geht (unser letzter Kontakt war schon ein paar Monate her). Darauf bekam ich eine lange email und gestern haben wir kurz miteinander telefoniert. Ihre Situation: Sie verfügt über eine exzellente Ausbildung und diverse, fachlich sehr unterschiedliche Praktika bei renommierten Wirtschaftsadressen. Und – sie findet seit über einem Jahr keinen Job! Natürlich können wir alle nur mutmaßen, aber … sollte es an ihrem (falschem) Studium liegen?

Aber lesen Sie erst einmal selber, was sie schreibt. Nach Rücksprache mit ihr übrigens bewusst nicht anonymisiert. Die Hervorhebungen sind von mir.

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“Hallo Herr Zaborowski,

ich freue mich von Ihnen zu lesen.

Genau richtig, nach zahlreichen Interviews Anfang des Jahres brauchte ich zunächst einmal wieder eine Aufgabe, um mich “abzulenken” bzw. die Zeit neue Motivation zu sammeln. Daher war ich von April bis Juli als Vertretungslehrerin an einer Gesamtschule beschäftigt. Eine herausfordernde Erfahrung – aber natürlich möchte ich gerne in der Wirtschaft unterkommen.

Seitdem bewerbe ich mich breiter und branchenübergreifender auf verschiedene Stellen – oftmals auch im PR und Kommunikationsbereich; eben genau den Fächern, die ich auch studiert habe. Aber der “Medienarbeitsmarkt” scheint komplett überlaufen zu sein. Die größte Resonanz erhalte ich am Ende doch immer von den Beratungen.

Nach nunmehr 18 Gesprächen (inkl. unterschiedlicher Runden) in Deutschland, sehe ich meine berufliche Perspektive in der deutschen Wirtschaft eher problematisch. In der Regel schaffe ich es immer sehr weit, d.h. meist bis zur letzten Runde – gehöre letztendlich aber dann nicht zu den “Ausgewählten”. Ich habe bereits an diversen Bewerbercoachings teilgenommen, um die Ursache dafür zu finden. Meist wird mir dann aber suggeriert, dass ich allenfalls kleine Dinge an meiner Performanz verbessern kann, diese aber nicht ursächlich für eine Ablehnung verantwortlich sind. Bis heute weiß ich oftmals nicht, woran es im Grunde gelegen hat und was ich verbessern kann.

Ich habe eher das Gefühl, dass Geisteswissenschaften in den Unternehmen kaum Ernst genommen werden. Soweit BWL nicht auf dem CV steht, kann “BWL auch nicht drin” sein. Eine vom Studium unabhängig-angeeignete wirtschaftliche Denke wird niemandem zugetraut. Dazu kommt, dass elitäre Business Schools und Unternehmensnamen ganz oben in jeder HR Abteilung mit rangieren und diese stets eine solide Universitätsausbildung dominieren.

Das alles ist insofern schade, da prinzipiell einer anderer gesellschaftlicher Diskurs vertreten wird. Immer wieder hört man von der “neuen Generation Y”, die sich durch fachunabhängige Leistung, Zielstrebigkeit und Leidenschaft für die Sache auszeichnet. Menschen die neue Herausforderungen angenommen und ausprobiert haben und dadurch von beruflicher Vielseitigkeit profitieren. Aus meiner Erfahrung heraus, lässt man aber in den HR-Abteilungen Kandidaten mit Brüchen im CV selten zu.

Ich möchte gerne in Deutschland arbeiten, aber aufgrund dieser Tatsachen bewerbe mich gerade intensiv im Ausland, um ggf. in einem anderen System eine Chance zu bekommen. Sollte ich dahingehend auch ohne Erfolg bleiben, strebe ich langfristig an, noch einmal zu studieren und einen Master in European Business an der ESCP zu machen, um den “Anforderungen in Deutschland gerecht zu werden”.

Vielleicht haben Sie noch Ideen oder Vorschläge, was man ggf. noch machen bzw. verbessern könnte?

Ich würde mich über eine Rückmeldung von Ihnen freuen.

Mit besten Grüßen

Franziska Müller”

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Ein Einzelschicksal? Ich weiß nicht. Frau Müller erwähnte im Telefonat ihre Kommilitonen, die ähnliches erleben. Manch einer arbeitet mittlerweile im Call Center. Nichts gegen den Beruf eines Call Center Agents, aber brauche ich dafür ein Studium? Jetzt weiß ich aus unabhängigen, zuverlässigen Quellen, dass an Frau Müller “nichts auszusetzen” ist (wenn ich das mal so formulieren darf). Ihre Zeugnisse sind sehr gut, ihr persönlicher Auftritt ebenfalls. Was war in dem einen, mir bekannten Fall der Knackpunkt, warum sie trotz mehrerer Gespräche kein Jobangebot bekommen hat? Die Wahl und der Abschluss ihres Studiums – in Verbindung mit ihrer späten Erkenntnis, eigentlich jetzt was anderes machen zu wollen. Nämlich z. B. als Beraterin in die Strategie- und Managementberatung zu gehen.

War for Talents? Sicherheit geht vor!

Der Gedankengang auf Unternehmensseite ist folgender: “Hätte sie das nicht vorher wissen und dann gleich was Anständiges studieren können? So jemand ist komisch. Was ist, wenn sie in einem Jahr feststellt, dass Beratung doch nichts für sie ist? Oder sie es nicht kann? Hat ja schließlich nicht BWL oder so studiert. Dann will sie wieder was anderes machen. Das ist uns zu unsicher”.

Und ich vermute, so geht es vielen Unternehmensvertretern. Am Ende ist die Unsicherheit einfach zu groß. Was ist, wenn Frau Müller sich als Fehlgriff herausstellt? “War doch klar!”, werden dann alle sagen. Dann doch lieber die klassische Variante wählen und jemanden einstellen, der “von Anfang an wusste, was er wollte”. Naja, zumindest darf man das naiv unterstellen und sich in Sicherheit wiegen. Aber muss ich denn mit 17 oder 18 Jahren schon wissen, was ich mit 30 mal machen will? Ist das für die Mehrheit unserer Jugend realistisch? Im Leben nicht! Oder soll ich einfach das studieren, was der Mainstream mir vorgibt? Der ändert sich auch gerne mal, der Schweinebauchzyklus lässt grüßen. Da sind schon viele mit baden gegangen.

Nein, liebe Hiring Manager und liebe Erfüllungsgehilfen HR: So einfach dürft ihr es euch bald nicht mehr machen (was die Politik in dem Ganzen zu tun und zu sagen hat, ist noch mal ein anderes Thema). Schwierig finde ich es, wenn ein junger, top ausgebildeter Mensch mir sagt: “Dann muss ich es wohl im Ausland probieren. Wie ich von Kommilitonen erfahren, reicht da oft einfach die Tatsache, dass ich Deutsch spreche. Das fachliche kann man sich aneignen.” Können wir uns diese Abwanderung leisten? Wenn ja, dann haben wir wohl auch keinen War for Talents! Und das Gerede von der Persönlichkeit, die zählt, und das man sich ja eh Fachwissen immer wieder neu aneignen muss, können wir auch getrost als inhaltsleeres Gelaber abhaken. Schade eigentlich, aber so sieht es wohl aus.

Zum Schluss möchte ich drei Dinge tun:

Zum Einen darauf hinweisen, dass ich mit meiner Kritik an den Unternehmen auch komplett daneben liegen kann! Vielleicht bewirbt Frau Müller sich einfach falsch, bohrt bei den Gesprächen in der Nase, fordert zu viel Geld oder schickt ihren Gesprächspartner Drohbriefe. Kann sein. Ich halte es für unwahrscheinlich, aber ich weiß es natürlich nicht. Aber ich wehre mich gegen den einfachsten Weg, die Schuld immer sofort beim Individuum zu suchen. Das hat mich bei so manchen Xing “Personaler / Bewerber-Gruppen” schon immer aufgeregt (gruselige Foren, wenn Sie wirklich Hilfe suchen, nehmen Sie bloß Abstand davon). Außerdem kenne ich die Praxis und auch wenn Frau Müller bestimmt nicht ALLES richtig macht – so lange darf jemand wie sie eigentlich nicht ohne Job sein!

Zweitens die Frage stellen: Wenn der Lehrling es (noch) nicht kann und der mächtige Meister nicht will – wer führt unsere Wirtschaft dann in die neue Arbeitswelt? Wer mobilisiert all die brach liegenden “Ressourcen”, bestehend aus Eltern die nur Teilzeit können, Menschen mit Migrationshintergrund, mit einem schwierigen Start ins Leben, Ältere oder eben denen mit dem “falschen” Studium? Wer, liebe Leser? Ich befürchte, dass müssen wir selber machen. Oder?

Und Drittens möchte ich hier auf das Xing Profil von Frau Müller hinweisen. Keine Sorge, das wird hier in Zukunft kein blog mit Einzelschicksalen oder eine Partnervermittlung. Und es ist eine Ausnahme und natürlich mit ihr abgesprochen. Aber vielleicht liest diesen Artikel ja jemand, der einen passenden Job für sie hat. Ich würde mich freuen – und sie sich auch. Und Sie werden sehen: Ihr Profil ist wirklich interessant!

In diesem Sinne – beste Grüße,

Ihr Henrik Zaborowski

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16 Kommentare auf "War for Talents? Exoten in die Wirtschaft? Nein! Die “Geister” kommen gar nicht rein."

  1. Hallo Herr Zaborowski,
    dem, was Sie in Ihrem Beitrag schildern, kann ich nur zustimmen. Ich arbeite als Karriere-und Bewerbungsberaterin und erlebe tagtäglich den schweren Berufseinstieg junger Absolventen. Wenn man heute vom Fachkräftemangel spricht oder den hervorragenden Chancen gut ausgebildeter junger Menschen, frage ich mich ständig, warum diese jungen Hoffnungsträger keine Jobs finden. Allein ein Praktikum für einen jungen BWL Studenten mit herragenden Noten, der genau weiß, wo seine Stärken sind und wohin er will, wird z.B. vom Telekom Konzern, der die Talentsuche auf seiner Homepage bewirbt , abgelehnt, mit dem Argument, dass dieser ja noch keine Erfahrungen vorzuweisen hat. Ja, wie denn bitte, wenn nicht einmal ein Großkonzern diese Arbeit übernehmen kann oder besser will.

  2. Hallo Herr Zaborowski,
    ein vielschichtiges Thema, bei dem es so viele Mitspieler gibt und seit Jahren (eigentlich schon Jahrzehnten) in unterschiedlicher Qualität aufgewärmt wird. Daher nur drei Anmerkungen dazu:
    – Wer sucht Bewerber im ersten Schritt aus? Der Personaler. Wer hat bei der Einstellungsentscheidung i.d.R. aber mehr Gewicht? Die fachverantwortliche Führungskraft. Woran auch immer es liegt…. Meine Erfahrung – befindet sich die Personalabteilung/der Personaler auf echter Augenhöhe mit den Fachabteilungen, geht man auch “mal ein Risiko” ein. Und wie viele frustriere Personaler sind inzwischen der Einfachheit halber zu Erfüllungsgehilfen mutiert…?
    – Schon vor 20 Jahren haben ich und meine Studienkollegen unterschiedlichster Fakultäten von den Professoren gehört: “Ihr seid die künftige Elite!” Und wir haben das dankbar geglaubt. Nur war damals die Beschäftigungslage ebenfalls alles andere als rosig. Vielleicht kann sich der Eine oder Andere kurz ins Jahr 1995 zurückbeamen. Damals gab es eine Ingenieurschwemme – ja wirklich! Die Unternehmen hatten (angeblich) keinen Bedarf. Daimler, Siemens & Co. zeigten sich trotzdem gönnerhaft und stellten frisch diplomierte Ingenieure für ein bißchen höheres Praktikantengehalt von 1500 bzw. 2000 DM (!) ein, damit dieses wertvolle Kapital nicht einfach auf der Straße verdörrte. Angebot und Nachfrage. Gäbe es wirklich einen War for Talents, hätte sich die Nachfrageseite schon längst angepasst.
    – Gerade gestern im Zug “belauschte” ich ein Gespräch, bei dem mir nur einfiel: “Und täglich grüßt das Murmeltier!” Ein BWL-Studentin, die acht (!) Bewerbungen für ein Praktikum verschickt hat und nur Absagen erhalten hat. Die Kommilitonen mit Beziehungen wurden alle genommen. Sie hat leider keine… Welche Unternehmen waren dabei – Audi, BMW, Lufthansa… Die üblichen Verdächtigen. Die Global Player beherrschen ihr Employer-Branding-Handwerk inzwischen perfekt und die Studenten/Absolventen glauben, dass sie nur dort ihr Glück finden werden. Einschlägige Umfragen bestätigen das immer wieder. Aber es lohnt sich den Blick zu weiten, denn es gibt so viele spannende Aufgaben in Unternehmen, die auf dem ersten Blick vielleicht nur dritte oder vierte Wahl sind. Es ist nicht alles Gold was glänzt und es sind schon viele, viele Menschen in goldenen Käfigen verkümmert…
    Viele Grüße und @ Frau Müller – viel Erfolg und nicht aufgeben!
    Kirsten Hartmann

    • hzaborowski sagt:

      Hallo Frau Hartmann, herzlichen Dank, das kann ich alles unterschreiben. Und ganz ehrlich: Ich wundere mich auch über die Studenten, die immer noch nur zu den Großen wollen. Oder kaum Alternativen kennen. Denn dank Xing & Co. ist das Finden interessanter KMUs heute kein Problem mehr. Das war zur Jahrtausendwende noch anders.
      Aber ich arbeite dran, dass die KMUs bald auch “aus ihren Löchern” kommen und sichtbar werden.
      Herzlichen Gruß, Henrik Zaborowski

  3. Jens sagt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Ich bin so ein Exot, studierter Medien- und Erziehungswissenschaftler, der nach dem Studium in einer angelsächsischen HR-Beratung Fuß gefasst hat und seither stets zu den “besten Pferden” im Stall gehörte.

    Der Weg dahin war jedoch nicht einfach, trotz ausgeprägten extracurricularen Engagements und offenkundigem “entrepreneurial spirit” wurde ich sehr häufig nach Bewerbungen nicht berücksichtigt. Als ich zwischenzeitlich einige meiner vorherigen Zielunternehmen beraten habe, zeigte auch warum.

    Jenseits vorbildlicher HR-Abteilungen gibt es in Deutschland erschreckend viel Mittelmäßigkeit bzw. unterdurchschnittlich begabte Personaler.

    Recruiter beispielsweise denken häufig nicht analytisch/ strategisch sondern agieren rein aufgabenorientiert. Dass Talente mal in einen Pool aufgenommen und jenseits einer konkreten Ausschreibung Abteilungsleitern vorgestellt werden, kommt nur sehr selten vor.

    Auch das Verständnis für Kompetenzmodelle und daraus abgeleitete Anforderungen oder Informationen der Compensation and Benefit Disziplin ist selten vorhanden. Man rekrutiert halt und berät nicht.

    Wenn ich inzwischen Mitarbeiter suche, achte ich eher auf Persönlichkeit und allgemeine Anzeichen von “Cleverness” sowie nachweisbare IT-Skills. Die notwendige Fachlichkeit kann man lernen, mir ist es wichtiger, dass ein Potential für produktive Arbeit und intelligente Lösungen vorhanden ist.

    Und das finde ich ggf. eher bei jenen Absolventen, die im Studium denken statt auswendig lernen mussten

    • hzaborowski sagt:

      Hallo Jens, vielen Dank für Ihre Bestätigung aus der Praxis. Auch wenn ich eigentlich gar nicht wissen will, wieviel “Mittelmaß” es noch gibt … Aber das ist ja leider in fast allen Funktionen so. Schade halt nur, dass HR als oft erster Kontakt / Entscheider so eine hohe Bedeutung zukommt. An dieser Stelle ist Mittelmaß leider sehr bedauerlich. Aber wir müssen auch weiter “oben” in den Unternehmen schauen. Es hat ja immer mehrere Gründe, warum HR nicht das ist, was es sein könnte. Herzlichen Gruß, Henrik Zaborowski

  4. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich bin selbst Absolventin und glaube nach einigen Monaten erfolgloser Jobsuche: Stünde in meinem Lebenslauf (Einser-MA Abschluss, drei Auslandsaufenthalte, fünf Sprachen, sechs Praktika, Stipendiatin eines deutschen Förderwerks) anstatt meiner geisteswissenschaftlichen Fächer “BWL”, ich hätte schon längst einen Job gefunden. Zu den zwei BWL-Fortbildungen, in die ich während meines Studiums investiert habe, scheinen Personaler nicht einmal mehr vorzudringen, wenn sie meine Bewerbung nach kurzem Scannen des Lebenslaufes aussortieren. (Mich persönlich haben die beiden Kurse eher dazu inspiriert, die Betriebswirtschaftslehre als solche zu hinterfragen und inspirierende Bücher von innovativ denkenden Ökonomen zu lesen…) Aus einer psychologischen Perspektive scheint die Reaktion des Personalers wiederum verständlich: Wer selbst BWL studiert hat, zieht vermutlich aus einer unbewussten Angst vor dem Unbekannten heraus einen Fachkollegen dem Bewerber vor, der sich möglicherweise als das System in Frage stellende Besserwisser entpuppen könnte. Hier geht die Tendenz vielleicht zur Selbstrekrutierung, wie sie z. B. auch bei Juristen zu beobachten ist.

    Ich habe insgesamt fast zwei Jahre in den USA verbracht, unter anderem als Praktikantin in der freien Wirtschaft. Dort hat niemanden interessiert, was ich studiert habe – am allerwenigsten meine Chefin. Bei ihr zählte Leistung und Motivation. Was ich nicht wusste, recherchierte ich. Was ich nicht konnte, brachte ich mir bei. Und zwar “always in time”. Weil ich wusste, wie – und zwar aus meinem Studium, in dem analytisches Denken und nicht Auswendiglernen gefragt war. Die ungläubigen Fragenden, die sich um die Zurechnungsfähigkeit meiner Chefin sorgten (“Wieso um alles in der Welt haben die dich als Geisteswissenschaftlerin da angestellt?”) kamen allesamt aus Deutschland, während Amerikaner meine Kombination aus Studium und Job mit einem Schulterzucken quittierten (“History and fashion business? Sounds cool.”) In Sachen Offenheit und Flexibilität hat der US-Arbeitsmarkt dem deutschen einiges voraus.

    Noch ein Gedanke zum Thema aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive: Der deutsche Steuerzahler hat viel Geld in die Hochschulausbildung Absolventinnen wie Franziska Müller und mich investiert, in meinem Fall grob überschlagen etwa knapp eine sechsstellige Zahl. Diese Investition lohnt sich nicht, wenn dem Objekt der Investition der Zugang zu einer amortisierenden Position versagt wird und es sich stattdessen mit Aushilfsjobs über Wasser hält, gar Hartz IV bezieht, oder auswandert. Und das leuchtet selbst mir ein, obwohl ich nie die Vorlesung “Finanzmathematik I” besucht habe.

    • hzaborowski sagt:

      Dankeschön für diesen ausführlichen Kommentar und den Verweis auf “über den Teich”. Sie haben völlig Recht: Betriebswirtschaftlich ist es ein Wahnsinn, was hier passiert. Ihnen trotzdem viel Erfolg bei der Jobsuche – hoffentlich in D! VG, Henrik Zaborowski

  5. AB sagt:

    Hallo sophiecolorsherworld,

    Bzgl.
    “Ich habe insgesamt fast zwei Jahre in den USA verbracht, unter anderem als Praktikantin in der freien Wirtschaft. Dort hat niemanden interessiert, was ich studiert habe – am allerwenigsten meine Chefin. Bei ihr zählte Leistung und Motivation. Was ich nicht wusste, recherchierte ich. Was ich nicht konnte, brachte ich mir bei. Und zwar “always in time”. Weil ich wusste, wie – und zwar aus meinem Studium, in dem analytisches Denken und nicht Auswendiglernen gefragt war. Die ungläubigen Fragenden, die sich um die Zurechnungsfähigkeit meiner Chefin sorgten (“Wieso um alles in der Welt haben die dich als Geisteswissenschaftlerin da angestellt?”) kamen allesamt aus Deutschland, während Amerikaner meine Kombination aus Studium und Job mit einem Schulterzucken quittierten (“History and fashion business? Sounds cool.”) In Sachen Offenheit und Flexibilität hat der US-Arbeitsmarkt dem deutschen einiges voraus. ”

    Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich habe fast 10 Jahre in den USA gearbeitet. Ich bin nach dem Studium direkt ins Ausland, weil ich in D keine Stelle gefunden hatte. Wenn meine Familie nicht in D leben würde, wäre ich nicht zurückgekehrt.

    Sollen wir nun alle BWL studieren? Wenn geisteswissenschaftliche Abschlüsse bei Firmen nicht erwünscht sind, warum werden diese überhaupt von den Unis angeboten? Mal ganz zugespitzt gefragt.

    Ich wünsche uns beiden und allen anderen viel Erfolg bei der Jobsuche. Übrigens, ich überlege auch, ob ich nicht noch ein drittes Studium hinzufügen sollte. 🙁 Das kann es aber irgendwie nicht sein, oder?

  6. Sally sagt:

    Der Artikel hat mir einerseits Mut gemacht (Ich bin nicht allein.) und mich andererseits noch mehr frustriert (Was gibt es für Alternativen?). Als gelernte Mediengestalterin und studierte Kulturwissenschaftlerin, die bisher eher fachfremd in der Entwicklungszusammenarbeit Berufserfahrung gesammelt hat, dabei diverse Male ihrem Auslandsdrang gefolgt ist, um über den Tellerrand zu blicken und Sprachkenntnisse zu erwerben, konsequenter Weise Brüche im Lebenslauf hat und dazu “schon” 30+ ist, kann ich nur sagen “What the hell?” Seit nunmehr sechs Monaten bin ich deutschlandweit auf Arbeitssuche. War ich bisher immer der Meinung, man sollte sein Leben nicht nur nach dem CV ausrichten, auch mal links und rechts schauen und immer seinem Herzen folgen, bin ich mittlerweile nur noch ernüchtert und frustriert. Ich sitze in den Startlöchern, habe Energie, möchte pushen und habe das Gefühl, dass ich nicht mitspielen darf. Dazu das dauernde Gerede vom Fachkräftemangel, Selbstverwirklichung, rotem Faden und Selbstoptimierung. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Die Firmen suchen die eierlegende Wollmilchsau, das Puzzle-Teilchen, welches am Besten zu 120% den Anforderungen der Stellenausschreibung passt und sofort am ersten Arbeitstag zu 120% Mehrwert bringt. Als Quereinsteiger hat man es schwer, als Frau im gebärfähigen Alter auch, Lückem im Lebenslauf sind ganz ungünstig und das Studienfach ja sowieso. Ich werde jetzt auch beginnen, mich im Ausland zu bewerben. Allen anderen wünsche ich viel Durchhaltevermögen und ja nicht den Glauben an sich selbst verlieren!

    • Kassandra72 sagt:

      @Sally:
      ich kann Ihre Aussage nur bestätigen, denn genau denselben Eindruck habe ich auch in zahlreichen persönlichen Interviews gewonnen.Und dazu noch das ständige Gemecker, wenn ein Lebenslauf nicht “geradlinig” ist.Ich weiß wirklich nicht, in welcher Parallelwelt die Personaler leben. Heutzutage ist es doch kaum noch möglich, vom Ende der Ausbildung bis hin zur Rente in nur EINER einzigen Firma angestellt zu sein. Und die meisten Stellenangebote sind doch sowieso nur noch befristet. Aber okay, das weiß ich, das wissen Sie und unzählige andere Bewerber auch. Es ist wirklich verdammt schwer, sich von den ständigen Absagen nicht frustrieren zu lassen. Und was den so genannten “Fachkräftemangel” angeht: das ist eher ein hausgemachtes Problem, denn zum einen verlangen die Firmen das scheinbar Unmögliche, aber auf der anderen Seite verprellen sie mit ihrem schematischen und veralteten Denken gut ausgebildete und hoch motivierte Bewerber. Und dann wird laut gejammert, dass man ja keine Leute findet! Ich weiß langsam nicht mehr, ob ich darüber heulen, lachen oder die ganze Angelegenheit unsäglich albern finden soll.
      Herzliche Grüsse

      Kassandra72

      • Micha sagt:

        @ Sally & @ Kassandra72

        Willkommen in Absurdistan!

        Ich stimme Ihnen beiden zu. Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Und wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich meine Koffer packen und auswandern.

        Die Sache mit den Quereinsteigern ist so eine Sache. Was ist mit einem Quereinsteiger gemeint?
        Beispiel A: Erfolgreicher Profi-Fußballer möchte nun Profi-Basketballer werden, aber hat noch nie Basketball gespielt.

        Beispiel B: Mediziner arbeitet nun bei einem Pharmazie-Unternehmen. Er hat “transferable skills” (er weiß um das Innenleben eines Menschen Bescheid), die er auf die Forschung bei neuen Medikamenten oder bei der Risikoanalyse von Medikamenten anwendet.

        Genau betrachtet, ist der Mediziner ein Quereinsteiger.

        Weitere Quereinsteiger:
        Angela Merkel: Sie ist promovierte Physikerin.
        Thomas Gottschalk: Er ist Lehrer.
        Rudi Cerne: Vom Eiskunstläufer zum Fernsehmoderator. Ditto bei Kristin Otto, von der Leistungsschwimmerin zur Fernsehmoderatorin.
        René Sommer: Zuerst CEO bei der Telekom, nun ist er im Aufsichtsratsmitglied der ThyssenKrupp AG. Was haben ThyssenKrupp AG und Telekom **fachlich** gemeinsam? — Nichts.

        Wenn ein Software-Entwickler zum Software-Projektmanager wird (ohne PMP-Zertifizierung), dann ist er auch ein Quereinsteiger.

        Alle Manager sind Quereinsteiger, denn den Beruf “Manager” kann man nicht auf schulischem Wege mit einem Abschluss, wie dies z. B. bei Medizinern oder Ingenieuren der Fall ist, lernen.

        Das deutsche Bewerbungssystem ist altbacken und steht sich selbst im Weg. Die Führungskräfte würden wahrscheinlich selbst ihre Profile nicht mehr erfüllen. 🙂

        Nach der Ausbildung/dem Studium wird man/frau nicht genommen, weil noch keine Berufserfahrung. Mit 30 ist frau im gebährfähigen Alter und somit bis 40 “gesperrt”. Mit 40+ ist man/frau alt. Mit 50+ kann man/frau eh alles vergessen.

        Im Manager-Magazin 12/2013 ist ein sehr guter Artikel: “Irre gut”. Auch wenn hier die Situation der Top-Manager beschrieben wird, trifft dies auch auf Normalsterbliche zu. Ich kann den Artikel wärmstens empfehlen. — Ich habe auch das Gefühl, dass man mit Querdenkern oft oQuerulanten meint, aber Querdenker ist im Positiven gemeint. Think Out of the box. Über den Tellerrand schauen.

        @ Sally & @ Kassandra72 — Vielleicht können Sie ein Buch zur absurden Lage des deutschen Bewerbungssystem schreiben und aufdecken, dass der Fachkräftemangel nur ein Mythos ist.

        Ich kann leider nicht mehr ins Ausland, aber ich kann auch keine 20 Jahre warten, bis sich etwas ändern. Der Frust ist zu groß. 🙁

        • hzaborowski sagt:

          Ja, das mit dem Buch ist sicher eine gute Idee. Eines kommt ja demnächst raus “Mythos Fachkräftemangel” von Martin Gaedt. Mein Eindruck ist: Je konkreter der Fachkräftemangel wird umso “enger” werden die gesuchten Profile. Offensichtlich hat keiner den Mum (oder ist in der Lage), den Hiring Managern mal Kontra zu geben.

    • hzaborowski sagt:

      Hallo Sally, vielen Dank für diesen Einblick. Ja, auch das Wissen, mit dieser Situation nicht allein zu sein, hilft leider konkret nicht weiter. Es ist schon bitter. Mein Angebot: Melden Sie sich doch mal bei mir. Vielleicht kann ich zumindest noch ein paar Ideen mit entwickeln? Herzlichen Gruß, Henrik Zaborowski

  7. Micha sagt:

    Henrik Zaborowski schrieb:
    “Ja, das mit dem Buch ist sicher eine gute Idee. Eines kommt ja demnächst raus “Mythos Fachkräftemangel” von Martin Gaedt. Mein Eindruck ist: Je konkreter der Fachkräftemangel wird umso “enger” werden die gesuchten Profile. Offensichtlich hat keiner den Mum (oder ist in der Lage), den Hiring Managern mal Kontra zu geben.”

    Vielen Dank für den Tipp mit dem Buch. Ich hatte schon mal überlegt, ob ich nicht eines schreibe, aber dann hat mich die Realität eingeholt. Mir hätte man Befangenheit vorwerfen können, und in diesem Fall muss ich doch sagen: Schuster, bleib bei Deinen Leisten. 🙂

    Ich bereue es nicht, ins Ausland gegangen zu sein. Ich würde es wieder tun, aber eine Sache würde ich anders machen: Ich würde nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Im Ausland galt ich als gut ausgebildete Fachkraft (mit 2 Uniabschlüssen und 20 Jahren Berufserfahrung). In Deutschland bin ich nichts wert.

    Es ist wie ein Morast, aus dem man nicht mehr herauskommt. Und es geht nicht nur den Geisteswissenschaftlern so.

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